Bloß keine Samthandschuhe

Bloß keine Samthandschuhe

Bloß keine Samthandschuhe!

Von Ilonka Lütjen

Menschen mit Behinderungen können ein Gewinn für das Unternehmen sein. Erfahrungen einer Beraterin mit dem Thema Business mit Handicap.

Nicht behindert zu sein ist kein Verdienst, sondern ein Geschenk, das jedem von uns jederzeit genommen werden kann. Lassen Sie uns die Behinderten und ihre Angehörigen auf ganz natürliche Weise in unser Leben einbeziehen. Wir wollen ihnen die Gewissheit geben, dass wir zusammengehören. Richard von Weizsäcker

Es kann schnell und unerwartet passieren. Ein unvor- sichtiger Autofahrer. Ein Sportunfall. Eine chronische Krankheit. Wir sind nicht dagegen gefeit. Behindert zu sein, gleichgültig ob von Geburt an oder von heute auf morgen, stellt den Betroffenen und sein Umfeld nicht nur privat vor große Herausforderungen. Auch beruflich gibt es Konse- quenzen. Unternehmen hegen selbst in unseren aufgeklär- ten Zeiten Vorbehalte gegen Mitarbeiter mit körperlichen Einschränkungen und chronischen Krankheiten. Was ich oft höre: „Was sollen denn die anderen Mitarbeiter und unsere

Kunden denken, wenn wir plötzlich Behinderte einstellen? Wir sind doch kein Wohltätigkeitsverein! Da zahlen wir doch lieber die Ausgleichsabgabe. So hoch ist die nun auch wieder nicht ...“

Nicht immer wird es so deutlich ausgesprochen. Und auch in Unternehmen mit etwas mehr Einfühlungsvermögen gibt es natürlich Fragen zum Umgang mit Menschen mit Behin- derungen. Kann ihnen bei mangelhafter Leistung überhaupt gekündigt werden? Welchen Eindruck erweckt ein solcher

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Mitarbeiter bei den Kunden und auch bei den Kollegen? In diesen Fragen, das ist meine Erfahrung, nehmen Firmen in wachsendem Maße Unterstützung und Beratung an.

Es hat lange gedauert, bis ich zu mir und zu meinem Leben mit Behinderung stehen konnte. Als freiberuflich tätige Ver- kaufstrainerin und Personal Coach war ich immer unter- wegs. Die Flughäfen und Hotels in Deutschland kannte ich fast besser als mein Zuhause. Ich liebte meinen Job und die Zusammenarbeit mit Kollegen. Dann kamen die ersten Symptome: Gleichgewichtsstörungen. Später die Diagnose: Multiple Sklerose (MS). Es war ein Schock und die Aus- sichten klangen schrecklich. Plötzlich schien alles anders. Nichts stimmte mehr, was vorher galt.

Zuerst versuchte ich, meinen Mitmenschen, insbesondere meinen Kunden gegenüber, die Krankheit und ihre Anzei- chen zu verbergen. Ich war sehr erfinderisch darin, immer neue Ausreden für die Gangstörung und meine beruflichen Ausfälle zu finden. Lange Zeit konnte ich gar nicht arbei- ten. Ich hatte körperlich keine Kraft mehr dafür. Der erste Ruck zur Selbstakzeptanz kam nach der Bemerkung eines Passanten: „So früh schon so besoffen!“ Ich hatte mich, um nicht zu stürzen, hilfesuchend an eine Straßenlaterne ge- klammert. Seither verwende ich einen Stock als Gehhilfe.

Ich nahm eine persönliche Auszeit und zog mich für einen Monat in das Haus von Freunden in Frankreich zurück. Dort erkannte ich: Ich lebte zwei Leben. Business und Pri- vatleben trennte ich zu sehr. Um glücklich zu sein, musste daraus eines werden. Ich entschied mich für eine ganzheit- liche Coaching-Ausbildung, die meine Sicht auf die Dinge veränderte und mir zeigte: „Ich kann es noch!“ Um die bei- den Seiten, die ich lebte, zu vereinen, gründete ich mein Unternehmen Busicap. Zunächst stand der Name für „Busi- ness trotz Handicap“. Doch im Lauf der Zeit verschob er sich zu „Business mit Handicap“.

Ich hatte damals nach Unterstützung gesucht, um meinen Weg zu finden. Und stieß nur auf Selbsthilfegruppen. Das war nicht der geschützte Raum, den ich brauchte. Auch meine Coachees kommen zu mir, weil sie eine professio- nelle Begleitung wünschen. Und für sie ist es wichtig, dass der Begleitende aus eigener Erfahrung nachvollziehen kann, wie sich das anfühlt.

Ich weiß: Menschen mit körperlichen Behinderungen kön- nen nicht nur trotz, sondern gerade wegen ihrer Einschrän- kungen eine Bereicherung für ein Unternehmen sein. Der Umgang mit dem eigenen Leiden vermittelt uns Kompe- tenzen, die auch im beruflichen Alltag von Nutzen sind:

THEMEN

Bloß keine Samthandschuhe!

  • ➱  Durchhaltevermögen in Situationen, die scheinbar ohne Ausweg und Hoffnung sind

  • ➱  Erf indungsreichtum, die Einschränkungen auszuglei- chen

  • ➱  Kampfgeist und Überlebenswille

  • ➱  Verständnis und Toleranz auch für die erstaunlichsten

    Realitäten

    „Den Wert eines Unternehmens machen nicht Gebäude und Maschinen und auch nicht seine Banknoten aus. Wertvoll an einem Unternehmen sind nur die Menschen, die dafür arbeiten.“ Bei diesem Zitat von Heinrich Nordhoff, nach dem Kriege Generaldirektor bei Volkswagen, denke ich: Er meint auch Menschen wie mich. Und dennoch gibt es für ei- nen ganz normalen Arbeitsalltag mit Handicap – nicht nur von Seiten der Betroffenen, sondern auch bei Arbeitgeber und Kollegen – Verschiedenes zu bedenken.

    Der Mitarbeiter verdient dieselbe respektvolle Behandlung wie alle anderen. Doch welche Bedürfnisse hat ein Mensch mit Behinderungen ganz konkret? Welche Grenzen habe ich in der Zusammenarbeit zu beachten? Wer da unsicher ist, sollte nachfragen. Der Betroffene kennt sich, seine Bedürf- nisse und seine Grenzen am besten. Aufgesetzte Rücksicht- nahme dagegen nervt. Menschen mit Behinderungen wollen nicht mit Samthandschuhen angefasst werden. Auch wenn die körperliche Einschränkung ganz unerwartet kommt und dra- matisch anmutet, beispielsweise durch die Amputation eines Körperteils nach einem Unfall – Ehrlichkeit erleichtert die gemeinsame Suche nach Lösungen für die neue Situation.

    Ein Thema, das mir im Coaching mit Betroffenen immer wie- der begegnet, sind die eigenen Grenzen. Wie lassen sie sich wahrnehmen und natürlich auch kommunizieren, gleichviel ob privat oder beruflich? Gewissermaßen als Ausgleich für ihre Behinderung neigen Menschen zuweilen dazu, etwas zu tun, was ihnen im Grunde nicht guttut. Zum Beispiel auch: sich zu überfordern. Hierbei ist es wichtig, schon den An- fängen zu wehren, wie es so schön heißt. Denn es fällt schwe- rer, Dinge zu ändern, an die sich das Umfeld bereits gewöhnt hat. Ich übe mit meinen Klienten also das Wahrnehmen der eigenen Grenzen und dann die Kommunikation: Ja sagen zu sich und Nein sagen zu anderen.

    Vermutlich spielen Üben und sogenanntes Probehandeln in der Arbeit mit körperlich versehrten Menschen eine noch größere Rolle als in der Arbeit mit Unversehrten. Einer mei- ner Coachees kam in einer Phase zu mir, als er sich nach einer langen Zeit des Studiums und der wissenschaftlichen Arbeit wieder in seiner Heimat bewarb und er zu Bewer- bungsgesprächen eingeladen wurde. Er hatte seine Doktor- arbeit gerade fertiggeschrieben und war frisch promoviert. Damit hatte er allen, auch sich selbst, bewiesen, dass er zwar von Geburt an schwerhörig ist, aber ansonsten nicht behindert.

Er suchte Lösungen für Fragen und Probleme, die bisher nur in seiner Vorstellung existierten. Zum Beispiel: Wie sage ich, dass es auch schlechte Tage gibt, an denen ich zwar fit bin, aber kaum noch höre? Wie gehe ich mit der Frage um, ob ich telefonieren kann? Beim Telefonieren klappt Lippenlesen ja nicht. Ist meine Stimme verständlich genug für Menschen ohne Behinderung? Von den Antwor- ten erhoffte er sich Sicherheit. Früher habe ich oft Bewer- bungsgespräche im Namen von Kunden geführt. Die Seite des Personalers kenne ich also. So konnte er im Rollenspiel erspüren und, da wir es per Video aufgezeichnet hatten, da- nach auch sehen, wie ein Bewerbungsgespräch auf ihn wirkt. Gemeinsam konnten wir erarbeiten, mit welchen Ressourcen er sich dafür rüsten kann.

Ein Unternehmen, das Behinderte beschäftigt, zeigt, dass es seine soziale Verantwortung und das Thema Inklusion ernst nimmt. Das kann für das Unternehmen zum Allein- stellungsmerkmal werden, zum sogenannten USP, dem Uni- que Selling Proposition. Meine Erfahrung mit Unterneh- men zeigt, dass das Betriebsklima sich bessert, wenn Men- schen mit Behinderung zur Belegschaft zählen. Durch ihre Vorgeschichten genießen sie das Vertrauen, bei Problemen kreative Lösungen zu f inden.

Ansprechpartner für Zuschüsse und Unterstützung sind die Bundesagentur für Arbeit und die regionalen Niederlassun- gen des Landeswohlfahrtsverbands (LWV) bzw. des Integra- tionsamts. Beim Thema Kündigungsschutz hilft ebenfalls das Integrationsamt weiter. Wenn die gewünschte Kündigung nachvollziehbare Gründe hat, wird es zustimmen. Ich selbst helfe, diese und andere Fragen zu beantworten, und unter- stütze Privatpersonen wie Unternehmen dabei, konstruktive Lösungen für ein menschliches und wirtschaftlich erfolgrei- ches Miteinander mit körperlich behinderten oder chronisch kranken Mitarbeitern zu finden. Seinerzeit, nach meiner MS- Diagnose, hatte ich für die unterschiedlichsten Fragen kom- petente Ansprechpartner schmerzlich vermisst, einen ge- schützten Raum, in dem ich in Ruhe alle wichtigen Themen unter professioneller Anleitung klären kann. Inzwischen habe ich ein Netzwerk von Fachleuten mit entsprechender Exper- tise aufbauen können, unter ihnen Handwerker, Juristen, Per- sonal-, Finanz- und Vermögensberater sowie Agenturen, die all das bieten.

Ilonka Lütjen, Wiesbaden, Beraterin, Coach und Trainerin, spezialisiert auf die Begleitung von Menschen mit Behinde- rungen und auf die Beratung von Unter- nehmen im Umgang mit diesen Men- schen. Website: www.busicap.de

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Verfasser und Verantwortlich für den Inhalt:
Ilonka Lütjen, Personal Coach, Kommunikationstrainerin, Busicap,, 65203 Wiesbaden
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Busicap,, 65203 Wiesbaden
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