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Anonyme Ansprache - Süddeutsche Zeitung 02/09


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22.02.2009

Ein Artikel von Florian Klampfer

Anonyme Ansprache Führungskräfte und Auslandsmitarbeiter von Firmen entdecken, wie entlastend Online-Coaching sein kann

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Von Petra Meyer

Hoher Druck. So hoch, dass sie darunter zusammenbrechen: Führungskräfte aus dem mittleren Management spüren ihn häufig am stärksten. Denn in ihrer Sandwich-Position laufen sie Gefahr, zwischen den Erwartungen ihrer Chefs und ihrer Mitarbeiter zerrieben zu werden. Für ein offenes Gespräch unter Kollegen fehlt meist das Vertrauen, und auch der Gang zum Coach fällt schwer. Denn wer diesen Schritt macht, gesteht sich ein, nicht mehr zurechtzukommen. Die meisten werten dies als Schwäche, schämen sich ihrer und wehren sie daher ab. So bleibt alles beim Alten und sie selbst allein mit ihrem Problem.

"Oft haben Leute das Gefühl, ihr Job sei eine Nummer zu groß für sie", sagt Florian Klampfer. "Dies offen zuzugeben und sich einem Berater von Angesicht zu Angesicht anzuvertrauen, kommt für viele einem Outing gleich. Die Scham ist schlicht zu groß." Seit vier Jahren arbeitet Klampfer daher auch als Online-Berater in Berlin und gibt Führungskräften im Chat oder per Mail die Möglichkeit, sich über berufliche Probleme auszutauschen. "Die Distanz zu mir schützt und öffnet sie gleichzeitig", sagt der Mitbegründer der ersten Online-Beratungsplattform in Berlin.

Birgit Knatz nennt dieses Phänomen "Nähe durch Distanz". Die langjährige Leiterin der Telefonseelsorge in Hagen-Mark vergleicht es mit der ungewöhnlichen Offenheit, die manchmal Reisende befällt, wenn sie wildfremden Menschen Intimes aus ihrem Leben erzählen. So Intimes, dass sie es selbst Freunden nicht offenbaren würden. "Da entsteht eine Vertrautheit im Fremdsein. Das geht, weil man wieder auseinandergeht, sich nicht mehr wiedersieht." Bei der Online-Beratung sei das ähnlich. Man kenne sich nicht persönlich, könne so das Gesicht wahren, müsse nichts beschönigen, sagt Knatz, die bereits im Jahr 1996 die Telefonseelsorge im Internet initiierte. Mit großem Erfolg: Im ersten Jahr gab es 265 Anfragen, heute sind es ungefähr 10 000.

Nebenberuflich arbeitet Birgit Knatz auch als freie Online-Beraterin. Zu ihren Kunden gehören vor allem Menschen, die sich aus beruflichen Gründen in der weiten Welt aufhalten: Mitarbeiter deutscher Unternehmen in den USA oder China, EU-Projektmanager in Vietnam oder Fotografen in Kriegsgebieten. Ihre Kunden, meist Männer, trifft sie weder vor noch nach der Beratung. "Ich brauche mein Gegenüber nicht zu sehen" sagt sie. Sie hat gelernt, auf Mimik, Gestik, Stimme oder Tonlage zu verzichten, sich ganz auf die E-Mail zu konzentrieren und zwischen den Zeilen zu lesen.

Und ihre Kunden? Brauchen sie nicht den persönlichen Kontakt, um eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen? Schließlich ist diese ja wichtig für eine erfolgreiche Beratung. "Online-Beratung eignet sich nicht für jeden", gibt Knatz zu. "Aber wer sich gern schriftlich ausdrückt, zeitlich flexibel sein will und viel unterwegs ist, für den ist diese Form des Coachings ideal."

Sie selbst schätzt vor allem den selbstreflexiven Anteil beim Schreiben, den sie durch bestimmte Fragetechniken und Feedback anregt. Und sie setzt auf Entschleunigung. "Wer großen Leidensdruck verspürt, entlastet sich meist schon durch die Mail. Anfangs schreiben die Kunden oft so dicht, so atemlos. Je länger die Mail, desto spürbarer wird, wie der Druck weicht", sagt Knatz. Auch die Zeit, die bis zu ihrer Antwort vergeht, begünstigt die gewünschte Selbstreflexion. "Wenn der Kunde meine Antwort erhält, ist er emotional meist schon wieder einen Schritt weiter und kann besser aus der Vogelperspektive auf das schauen, was ihn bedrückt." Denn im Gegensatz zum Chat liegen zwischen der Mail des Kunden und ihrer Antwort einige Stunden, manchmal sogar Tage.

Selbst für Gruppen oder virtuelle Teams, also solche, die an verschiedenen Orten an einer gemeinsamen Sache arbeiten, eignet sich die Online-Beratung. Als Birgit Ramon 2002 von Bremen nach München zog, nutzte sie zunächst das Internet, um ihre Bremer Kunden auch in Bayern weiter coachen zu können. Heute bietet sie vor allem Online-Beratung für Gruppen an. Dabei diskutieren die Teilnehmer in Foren, also virtuellen Diskussionsplattformen. "Das bringt ihnen ungemein viel. Sie schildern ihr Problem und erhalten zeitversetzt aus ganz unterschiedlichen Perspektiven Feedback", sagt Ramon. In einem solchen Forum denkt jeder in seiner eigenen Geschwindigkeit nach, antwortet, wann es am besten passt, und überarbeitet den Beitrag so oft wie nötig. "Das ist wirklich besonders an dieser Form des Coachings."

Kritiker bewerten die Online-Beratung oft als "verarmt", weil sie der Gestik und Mimik entbehrt, die viel über die Befindlichkeit des Kunden aussagt. Doch überzeugte Online-Coaches ficht das nicht an. "Es ist ein Irrglauben, von einer Person ein vollständiges Bild zu erhalten, bloß weil sie einem gegenübersitzt", sagt Online-Berater Klampfer. Allerdings gibt er zu, dass diese Form des Coachings eine besonders hohe Beraterkompetenz erfordert, "um sich in den Kunden hineinversetzen zu können".

Wie aber weiß der Kunde, dass es sich um einen erfahrenen Online-Coach handelt und er nicht einem Scharlatan aufsitzt? Birgit Knatz verweist auf die Deutsche Gesellschaft für Online-Beratung (DGOB) in Villigst, die ausgebildete E-Coaches vermittelt, und auf Mundpropaganda: "Gute Coaches werden weitergereicht", sagt sie. Für unverzichtbar hält sie, dass die Beratung ausschließlich über geschützte Plattformen mit hohen Sicherheitsstandards erfolgt und nicht einfach Mails ausgetauscht werden. "Alles andere ist unseriös."

Weitere Informationen:
http://www.beratungspraxis-klampfer.de

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