VOM HEILENDEN SCHEITERN – PHÖNIX AUS DER ASCHE

VOM HEILENDEN SCHEITERN – PHÖNIX AUS DER ASCHE

Sie fuhr mit dem Aufzug in die Tiefgarage, ging zu ihrem Wagen und zündete sich die x-te Zigarette an. Um 23h22 verließ sie das Bürogebäude, taub in Körper, Geist und Herz. Als um 5h30 der Wecker klingelte und wenig später der Taxifahrer sie zum Flughafen bringen wollte, blieb sie einfach liegen. Aus.

Er kam nach der Fachtagung spät nach Hause. Kein Licht, auch im gepflegten Vorgarten nicht. Sein Kopf hämmerte von all den Fragen und Anforderungen, die auf ihm lasteten. Als er die Tür aufschloss fand er einen Zettel: „Ich verlasse Dich jetzt. 20 Jahre sind genug. Alles Gute, Betty".

Sie hatten alles gegeben – aber der Australier hatte den Auftrag storniert. Er lehnte sich zurück in seinem Sessel, sah auf die Drohung seines Hauptgläubigers, wagte es nicht mehr, den Liquiditätsspiegel aufzurufen. Drei Generationen harter Arbeit – Insolvenz ? Ausgeschlossen ! – Wo konnte er noch Finanzierung auftreiben ? Und dann wurde ihm schwarz vor Augen.

... das sind nur 3 von hunderten Szenen gleichen Musters:

Große Wünsche, große Ziele, große Anstrengung – eine lange Phase des Einsatzes, harter Arbeit, Hoffens und Wünschens – und der zunehmenden Freudlosigkeit und Belastung. Und mit einem Mal scheint nichts mehr zu gehen.
Wer eine so lange Marathonstrecke gelaufen ist – sei es privat oder beruflich – sei es für persönliche Ziele oder gemeinsame – gibt in der Regel nicht auf.

Und das ist das Fatalste an einem starken Willen: Unser Wille kann unsere Seele in die Knie zwingen.

Dazu erziehen uns nicht nur unsere Eltern, Lehrer und Kamerad/innen, die die Durchhalteparole von klein auf mit dem Glanz der Stärke, der Größe und der Überlegenheit versehen haben.
Es ist vor allem unsere Angst, die uns laufen und kämpfen und festhalten lässt. Bis zum Herzinfarkt. Bis zum totalen Bankrott. Bis zum Nervenzusammenbruch oder der totalen Entfremdung von uns selbst.

Die Wut gegen vermeintliche Hinderer, die Kraft der Verzweiflung gegenüber Ungerechtigkeit oder Gerechtigkeit oder was auch immer uns unser entfesseltes Wollen zuruft, lassen uns noch weit über die eigenen Grenzen gehen und nach etwas streben, das uns nicht gemäß ist.

Was uns gemäß ist, ist leicht. Macht Freude. Gibt Kraft.

Aber wir kämpfen – kämpfen für eine Idee in unserem Kopf, die immer nur vor uns ist, aber nie bei uns.
Nicht selten geht es dabei – angeblich - auch um andere: Mitarbeiter, Ehepartner, ja sogar Kinder, Eltern und Nachbarn: „Für sie darf ich nicht scheitern !" oder „Ich werde ihm nicht den Gefallen tun, aufzugeben!"

Wenn unsere Seele jedoch zusammenbricht und auch unsere Schuldzuweisungen, Forderungen, Ansprüche und Hoffnungen kaum mehr Kraft haben, dann kommt die Angst.

Die Angst vor Bedeutungslosigkeit.

Die Angst vor Ausschluss, Einsamkeit und Leere.

Wie oft habe ich im Rahmen meiner Arbeit miterlebt, wie Menschen nicht nur sich selbst sondern auch ihr Umfeld zugrunde gerichtet haben nur, um eine Idee, ein Ziel einen Wunsch nicht aufgeben zu müssen.
Grausam erschien dann meine Frage:
„Erkennst Du an, dass Du gescheitert bist?".

Und es war immer wieder eine Tortur mitzuerleben, wie es den Menschen am Ende seiner Kräfte fast zerrissen hätte zwischen Stolz und Kapitulation, Durchsetzung und Selbstliebe.

Die Angst, „alles" zu verlieren, in die Bedeutungslosigkeit zu fallen und eben : zu SCHEITERN ist bei den meisten von uns so groß, dass wir alles – unsere körperliche Gesundheit, unsere Lebensfreude, unsere Freundschaften und unseren Lebenssinn dafür aufzugeben bereit sind.

Da ist es manchmal notwendig von außen mit aller Klarheit gesagt zu bekommen:

Es ist vorbei !

Ebenso oft, wie ich miterleben musste, welch unglaubliche Kräfte bei dieser Feststellung freigesetzt werden – um sich schlagende, schreiende, anklagende, bitterlich weinende oder auch völlig versteinerte Verzweiflung – durfte ich erfahren, was geschieht, wenn endlich auch der Geist bereit ist, bedeutungslos zu sein:

Es entsteht Raum.

Und neben der Benommenheit und Erschöpfung des manchmal jahrzehntelangen Kampfes ist da plötzlich eine große Entspannung, Stille. Wenn diese Stille sein darf, und nicht gleich der nächste Schritt, die Erklärung, die Verpackung... kommen muss, sondern Mensch einfach mit dieser Einsicht sein kann, am besten bei den Bäumen oder Bergen oder am Wasser – dann wird aus dieser Stille Frieden.
Frieden ist die Voraussetzung, um die eigene Seele wirklich hören zu können, um ein klares und eigenständiges Urteil darüber haben zu können, was stimmig ist und was nicht. Was ansteht und was nicht. Was Gehalt hat und was nicht.

Aber zu diesem Frieden muss Mensch erst einmal kommen.

Ich verneige mich vor all jenen, die ihr Scheitern angenommen haben – die ohne Begründung im Außen für sich festgestellt haben: Das ist nicht meins. Das schaffe ich nicht, obwohl ich es mir so gewünscht habe.

Diese Menschen haben durch diesen einen Moment der Kapitulation (und das Übernehmen der uneingeschränkten Verantwortung dafür) eine Lebenslüge beendet, ihren Weg bereinigt und ihre Seele befreit.

Das sind die Menschen, die aufrecht gehen.

Weder größer noch kleiner, als sie wirklich sind.

Das sind die Menschen, die wirklich Gutes geben können.

Mit Leichtigkeit. Denn:

Was uns gemäß ist, ist leicht.
Macht Freude.
Gibt Kraft.

 www.evelinrosenfeld.de

Weitere Informationen:
http://www.evelinrosenfeld.de/index.php/de/component/acymailing/archive/view/listid-2-kundenbrief/mailid-70-scheitern/tmpl-compo

Verfasser und Verantwortlich für den Inhalt:
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