Krebs !

Krebs !

Liebe Mami, heute wäre dein 74. Geburtstag. Wenn Du Dich für ein „ja“ entschieden hättest.

Sicher fühlt sich die Überschrift meines Briefes für Dich nicht gut an. Ich weiß, Du hattest Angst davor, zu altern. Wie tief saß doch der Imperativ deiner Mutter, schön sein zu müssen. Als Frau. Wie deutlich hatten deine Liebhaber Dir gezeigt, dass deine Makel inakzeptabel waren.

Als ein Arzt Dir das Todesurteil gab, hattest Du schon lange gesucht. Der Husten, das Blutspucken, die Atembeschwerden. Jahre muss das gedauert haben, bis endlich einer auf die Idee kam, deine Lungen anzusehen. Du warst 47.

Und da war er, der siechende Tod, von dem Du immer gesagt hattest: Diesen Weg würdest Du nicht gehen. Deine Hände leuchteten in der Nacht, Du hast kaum mehr geschlafen. Jahre des Haderns, des Mangels, der Selbstmordphantasien, des Dramas standen nun vor Dir. Und da kam die Angst. Nun doch leben ?

Du warst 47, als das Märtyrium der modernen Hexenverbrennung begann: Einer hat gesagt, daß es der Tod ist. Und Mensch für Mensch um Dich herum begann es zu glauben. Und all die lang verteidigte Schönheit und Jugend und Anziehungskraft gingen dahin mit den Haaren in der Chemotherapie, mit den blauen Markierungspunkten in deinem Gesicht bei der Bestrahlung, mit den Narben und Wunden und Stichen um die tiefen Schnitte, die Dir beigebracht wurden.

Du mußt um die zwanzig gewesen sein, als Du begonnen hast, mit deinem Tod zu spielen. Nicht absichtlich- eher wie eine wehmütige Phantasie, wie ein selbstbestimmter Ausweg aus den Nöten des alltäglichen Lebens.

Ich habe Fotos von Dir gesehen in deinen Zwanzigern und Dreißigern: Was für eine Wildheit, was für eine Lust ! War es nicht genug ? Hätte es anders sein sollen ?
Du warst unglücklich in deiner Situation. Fühltest Dich gedemütigt, gelangweilt, überfordert, Du bist nicht gegangen – jedenfalls nicht in das Leben. Du bist in deine Depressionen und Zweifel gegangen, hast, wie deine Mutter, in deinem Mann einen geeigneten Schuldigen, einen verantwortlichen Unterdrücker gefunden.

Du warst 48, als Du, Schatten deiner selbst, noch einmal Ostern mit uns gefeiert hast. Deine Sorge darum, ob „er“ klarkommen würde ohne Dich, deine Sorge darum, ob „er“ dein Leid, deine Schwäche, deine Verunstaltung tragen könne… nein, er konnte nicht. Nein, Du konntest nicht.

Aber Du wolltest doch leben !
Aber wolltest Du „so“ leben ?
Würdest Du leben ?
Du warst 48 und wusstest die Antwort nicht.

Zyankali war keine gute Wahl.
Doch konsequent im Weg des Leidens.

Mami, ich vermisse Dich.
Deine Wärme, dein Lachen, deine Komplexität, deine Nähe, deine Tiefe und Phantasie fehlen mir.

Ich bin jetzt so alt wie Du. Bald.
Und ich habe mich für „ja“ entschieden.

Ich hoffe, es freut Dich.

Mach es gut.


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Verfasser und Verantwortlich für den Inhalt:
Evelin Rosenfeld, Coach, Evelin Rosenfeld Coaching, 96476 Bad Rodach
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