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Ohne Grund und ohne Halt

22.10.2007

Ein Artikel von Anne Lindenberg

Frühe Störungen und Defizite in der Ich-Struktur

Gerade Anfänger-Therapeuten machen sich, frisch ausgebildet und vielleicht mit den ersten Lorbeeren der bestandenen Prüfung bekränzt, frohgemut und zuversichtlich ans Therapieren. So schlimm kann es ja nicht werden, nachdem unter der beaufsichtigenden Obhut der Ausbildungsleiter die Übungstherapien ja auch ganz gut geklappt haben….

Viele Einsteiger klagen dann in ihrer Supervision darüber, dass ihre ersten Klienten wirklich schwere Belastungen mitbringen, denen sie sich eigentlich noch nicht gewachsen fühlen.
Das hat immerhin den Vorteil, genau orten zu können, woher Gefühle wie Schwere, Unzulänglichkeit und Angst vor Versagen kommen. Sie sind meistens eine Mischung aus eigenen Reaktionen und intuitiver Wahrnehmung des Befindens des Klienten.

Andere haben das Glück(?), dass die ersten etwa zehn Klienten einigermaßen handhabbare Probleme mitbringen, deren Begleitung und Lösung die Sicherheit und das Zutrauen des Therapeuten zunächst einmal stärkt.
Umso rätselhafter kommt es diesen Kollegen dann vor, wenn sie feststellen, wie erschöpft sie nach manchen Sitzungen sind und mit welchem Widerwillen sie sich in manche anderen Sitzungen schleppen. Und dass auch sie starke Empfindungen von nicht gut genug sein oder nicht genug geben können, von Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit erleben.

Solche Erlebnisse sind sowohl quälend als auch erklärbar, und Therapeuten, die diese Dynamiken rechtzeitig durchschauen, können den Umgang damit lernen und müssen nicht die Flinte ins Korn werfen:

Meistens handelt es sich um defizitäre Bereiche im Klienten, die er oder sie sich noch nicht bewusst machen kann.

Frühe Versorgungs- und Kontaktdefizite wirken in etwa 60 Prozent (meine persönliche Schätzung) der Lebensprobleme, mit denen ein Therapeut aufgesucht wird, aus dem Hintergrund mit. Bewusst und aussprechbar wird dieses Leid jedoch meist erst nach einiger Zeit der  Arbeit miteinander.
Solange ist das Befinden des Therapeuten im Kontakt mit diesem Klienten wie eine Art Resonanzkörper; die entstehenden Schwingungen und Stimmungen können als diagnostische Hilfestellung genutzt werden, vorausgesetzt, der Therapeut lernt, die eigene Thematik und die des Klienten zu unterscheiden.
Das ist gar nicht so einfach, da der Therapeut ja für genau die unterschwelligen Signale empfindlich ist, für die er aufgrund seiner eigenen Thematik auch empfänglich ist.

Frühe Defizite sind eine Hauptursache für spätere Depressionen, für Substanzsüchte, für Partnerschaftsprobleme aller Art und für Schwierigkeiten, ein Existenzniveau zu erreichen, das den tatsächlichen Veranlagungen entspricht.

Die Betroffenen haben vor allem Gefühle wie Haltlosigkeit, Sehnsucht nach einem Prinzen und Erlöser beziehungsweise nach einer ‚sich um alles kümmernden, präsenten, aber nicht fordernden Frau', also einer Art Übermutter; Einsamkeit, Isoliertheit, Wertlosigkeit, Mutlosigkeit, Resignation und Kraftlosigkeit, allgemeine Empfindlichkeit und mangelnde Robustheit und Vitalität.
Oft sind diese Bereiche vor ihnen selbst verborgen hinter einer Fassade aus Leistungswille, Unnahbarkeit, einer „Es ist alles in Ordnung“ – Haltung nach außen.

Kommen solche Menschen in die Therapie, klammert sich ein (noch unbewusster) Teil an den endlich gefundenen Halt und fängt an zu saugen.

In Therapeutenkreisen sind solche Klienten, man ahnt es schon, als „Energievampire“, „Zecken“ und „Kraftabpumper“ bekannt.

Das sind zwar präzise beschreibende Begriffe, jedoch der negative Beiklang tut den Klienten unrecht. Sie würden, wenn sie es könnten, ihre Kraft und ihren Halt lieber selbst erzeugen und bilden. Genau deswegen kommen sie: Weil ihre innere Verwaltung in der Therapie eine Chance sieht, sich des Mangels bewusst zu werden und durch tragenden Kontakt eine Nachnährung und einen „Boden“ zu bilden (mit dem wörtlichen Anklang, mit dem Boden auch einen Grund zum Leben zu finden).

Der Therapeut hat die Aufgabe, nach erfolgter Vertrauensbildung und nach der Etablierung eines klaren Arbeitsbündnisses gewissermaßen im Reißverschlussprinzip die Balance zwischen Bewusstwerdung, Fordern, Fördern und Nähren zu finden. Denn nur zu geben hilft meistens nicht viel weiter, da die inneren Kapazitäten anfangs noch nicht ausreichen, um das Angebotene überhaupt zu erkennen und dann noch zur tatsächlichen Nachnährung auszuwerten. Vergleichbar ist das mit dem Ertrinkenden, der panisch um sich schlägt und so seine Rettung verhindert oder der sich so anklammert, dass er den Retter mit sich unter Wasser zieht.

Menschen mit frühen Defiziten machen übrigens häufig in kompetent geleiteten Therapiegruppen recht zügige Fortschritte. Dort geht manches einfacher oder von selbst, was in Einzelsitzungen eher zäh und mühsam erreicht wird.

Ideal ist die Kombination von Einzel- und Gruppenarbeit.

Es gibt eine ganze Palette von Wahrnehmungs- und Fragemöglichkeiten, um frühe Defizite ‚einzukreisen’ und Interventionen, um mit ihnen förderlich zu arbeiten.

Das wären zum Beispiel Rollenspiele, biodynamische Massagen, Aufstellungsarbeit, Gruppenspiele und mittels spezieller Gesprächsstile Zusammenhänge von aktuellen Symptomen mit der frühen Lebensgeschichte herstellen.

Im IN HOPE, München wird im Januar 2008 die viertägige Intensiv-Fortbildung „Defizite in der Ich-Struktur“ angeboten für fertige KollegInnen und solche in Ausbildung sowie für Kollegen aus der Psychotherapie benachbarten Gebieten, zum Beispiel Coaching, NLP, Yoga etc.
Denn jeder, der professionell mit Menschen zu tun hat, kann sicherer, angenehmer und erfolgreicher arbeiten, wenn er frühe Störungen auch frühzeitig erkennt und kompetent damit umgeht.

Unter dem unten angegebenen Link finden Sie nähere Informationen.

 

Weitere Informationen:
http://www.psycho-holistik.de/defizite-in-der-ich-Struktur.html

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