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Alles ist gut, solange Sie wild sind


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12.10.2008

Ein Artikel von Verena Ronnenberg

Was war Ihnen das letzte Mal etwas wert, so richtig zu brüllen, in Rage zu kommen? Wann haben Sie sich wirklich engagiert – ich meine keine lauwarmen Lippenbekenntnisse, sondern richtigen Einsatz mit hochgehendem Puls, roten Wangen, zittriger Stimme und hochgestellten Nackenhaaren.Lange her?

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Nichts kann Sie so schnell noch aus der Fassung bringen. Sie sind gelassen und relaxt. Alles ist ausbalanciert, der Tagesablauf, der Kontostand, der Einsatz im Beruf und die Gefühle. Alles plätschert friedvoll und gleichförmig vor sich hin. Alles ist gut und geordnet, Ihr Zeitmanagement funktioniert, Ihr Teint ist frisch, Ihre Kleidung sitzt akkurat.Sie sind am Ende einer langen Reise endlich in einem wohltemperierten Zustand der Mittelmäßigkeit angekommen. Fühlen Sie sich in diesem Zustand herzlich willkommen.Willkommen im Club der Lauwarmen, die sich heimlich danach sehnen, in ihre vernünftigen Speisen feurige Gewürze zu schmuggeln, um das Leben noch einmal wirklich zu fühlen.Wie viel Langeweile kann ein normaler Mensch eigentlich aushalten, bevor er plötzlich und freiwillig in eine scharfe Peperoni beißt? Wie stark und wie lange kann man Flüsse begradigen, bevor sie über die Ufer treten?

Wo laufen Sie gewohnheitsmäßig gegen künstliche Wände und lassen sich umleiten, obwohl Sie woanders hinmöchten? Wer hat die Dämme um Sie gebaut und zu welchem Zweck? Mitten im Leben und dennoch schon längst angekommen: Im gefühlsmäßigen, emotionalen und geistigen Ruhestand, allerdings weit vor der Zeit. Alle Versicherungen sind abgeschlossen und alle Schäfchen im Trocknen. Wären Sie immer nur ein Schäfchen, so wären sie glücklich. Aber was sagen die wilden Tiere? Ich meine jetzt nicht unbedingt den Löwen, den Hai oder den Stier, der majestätisch und wild sein Recht in die Erde stampft. Ich meine das innere wilde Tier, das in Ihnen selbst schlummert.

Sie haben alles „Wilde“ gut im Zaum – und da soll es auch bleiben. Einmal losgelassen, würde es andere Menschen stören können. Und genau das wollen Sie nicht, weil Sie ein sympathischer Mensch sind und niemanden vor den Kopf stoßen wollen. Das ist rein theoretisch ein gutes Vorhaben, praktisch aber nicht durchführbar. Denn selbst wenn Sie so friedfertig wären wie der große Mahatma Gandhi – stören würden Sie trotzdem. Irgendwer, irgendetwas wird sich immer durch Sie gestört fühlen. Versuchen Sie mal ganz im Ernst, es allen recht zu machen. Hat das irgendwann schon einmal geklappt? Zu allen gehören übrigens auch Sie selbst. Lebendig sein ist das Gegenteil von Stillstand. Wer wirklich lebt, hat keine Wahl, er wird sich bewegen. Und allein dadurch wird er stören, wen auch immer.

Es kann Kleinstlebewesen betreffen, die unter Ihrem Schuh zerquetscht werden, es kann sich ein Nachbar gestört fühlen, weil Sie ihm zu viel lachen, oder vielleicht stören Sie auch Ihren Lebenspartner, weil Sie ihm in allerbester Absicht eine Reise ans Meer geschenkt haben, er aber lieber in die Berge fahren würde. Stören ist ein Naturgesetz: Wer lebt, stört.Allerdings hat jeder Mensch einen Menschen in seiner allernächsten Umgebung, für den diese Regelung nicht gilt. Für ihn lohnt es sich, hinzugucken und genau zu erspüren, was er braucht. Dieser Mensch in der allernächsten Umgebung, Sie wissen es natürlich längst, sind mit Haut und Haaren, Gefühlen, Gedanken, Vorlieben, Bedürfnissen und Sehnsüchten zu 1000 Prozent ganz Sie selbst.Es kommt darauf an, sich selbst so wenig wie möglich zu stören – und sich nicht stören zu lassen. Dafür lohnt es sich, engagiert und temperamentvoll zu sein, eben auch mal mit hochgehendem Puls und großen Gefühlen. Mut tut gut. Vor allem in eigener Sache.

Lebendig sein, selber machen, selber denken und selber fühlen. Alles andere ist Soap-Opera und Second-Life. Schalten Sie den Fernseher ab und leben Sie selber. Mit allem, was dazu gehört. Seien Sie nicht nur ein sanftmütiges Schäfchen, sondern auch wild und lebendig. Seien Sie bärenstark in eigener Sache. Was könnte schon Schlimmes passieren, außer, dass Sie glücklich werden?

Verena Ronnenberg Heilpraktikerin (Psychotherapie)

Weitere Informationen:
http://www.praxis-ronnenberg.de

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