Fremdscham, elterliche Schamvulnerabilität und pathologisches Erröten

Fremdscham, elterliche Schamvulnerabilität und pathologisches Erröten

Fremdscham, elterliche Schamvulnerabilität und pathologisches Erröten

Eine entwicklungspsychologische Hypothese zur Entstehung sozialer Selbstbeobachtung vom Kindesalter bis ins Erwachsenenalter

Einleitung

Pathologisches beziehungsweise subjektiv stark belastendes Erröten ist ein psychophysiologisches Phänomen von besonderer Komplexität. Erröten gehört zunächst zum normalen menschlichen Repertoire sozialer und emotionaler Reaktionen. Problematisch kann es werden, wenn die körperliche Reaktion selbst zum Gegenstand intensiver Selbstbeobachtung, Scham und sozialer Bewertungsangst wird. Die betroffene Person errötet dann nicht lediglich; sie beobachtet ihr Erröten, erwartet es, fürchtet seine Sichtbarkeit und versucht, es zu verhindern. Gerade diese Kontrolle kann wiederum die Selbstaufmerksamkeit und autonome Aktivierung verstärken.

Die Forschung zeigt einen engen Zusammenhang zwischen sozialer Angst und dem subjektiv wahrgenommenen Erröten. In einer Metaanalyse von Nikolić et al. war der Zusammenhang zwischen sozialer Angst und selbst wahrgenommenem Erröten deutlich stärker als der Zusammenhang mit physiologisch gemessenem Erröten. Die Autoren kommen unter anderem zu dem Schluss, dass sozial ängstliche Menschen ihr eigenes Erröten stärker wahrnehmen und seine Intensität überschätzen können.

Damit rückt eine psychologische Frage in den Vordergrund: Was macht das Erröten für die betreffende Person so bedeutsam?

Eine mögliche Antwort liegt in der Bedeutung des sozialen Blicks. Wer sich in sozialen Situationen ständig aus der Perspektive anderer Menschen beobachtet, erlebt den eigenen Körper nicht mehr nur als Körper, sondern als sichtbare soziale Oberfläche. Das Gesicht kann dann zum Ort einer gefürchteten Entblößung werden: Es könnte sichtbar werden, dass man unsicher ist, sich schämt oder die Kontrolle verliert.

Dieser Essay entwickelt hierzu eine spezifische entwicklungspsychologische Hypothese. Im Mittelpunkt steht die mögliche Bedeutung von Fremdscham gegenüber den eigenen Eltern. Gemeint ist eine Situation, in der ein Kind das Verhalten seiner Eltern wiederholt als peinlich, unangemessen oder beschämend erlebt und zugleich wahrnimmt, dass die Eltern selbst außerordentlich empfindlich auf Beschämung, Kritik und sozialen Gesichtsverlust reagieren.

Eine solche Konstellation könnte dazu führen, dass das Kind soziale Situationen besonders aufmerksam überwacht: das Verhalten der Eltern, die Reaktionen der Umwelt und schließlich die eigene Reaktion auf beide. Im Verlauf der Entwicklung könnte sich dieser Beobachtungsmodus von den Eltern auf die eigene Person verlagern. In der Adoleszenz, in der die eigene soziale Identität und das körperliche Erscheinungsbild zunehmend bedeutsam werden, könnte der eigene Körper zum neuen Gegenstand dieser Überwachung werden. Das Erröten wäre dann nicht die unmittelbare „Folge“ narzisstischer Eltern, sondern möglicherweise ein späteres körperliches Symptom einer über Jahre entwickelten sozialen Selbstbeobachtung.

Diese Überlegung ist als theoretische Synthese zu verstehen. Die spezifische Kausalkette von elterlichem Narzissmus über Fremdscham bis hin zu pathologischem Erröten ist nicht empirisch nachgewiesen. Die einzelnen Glieder dieser Überlegung – die Bedeutung der Eltern-Kind-Beziehung für Scham, die Bedeutung von Scham bei narzisstischer Psychopathologie, Fremdscham als soziale Emotion sowie Selbstaufmerksamkeit und soziale Bewertungsangst beim Erröten – sind jedoch jeweils Gegenstand psychologischer Forschung.

Scham und der soziale Blick

Scham gehört zu den selbstbewussten oder selbstbezogenen Emotionen. Anders als bei einer rein körperlichen Reaktion wird die eigene Person dabei aus einer sozialen Perspektive bewertet. Die Frage lautet nicht nur, was geschehen ist, sondern wie man selbst im Blick anderer erscheint.

Diese soziale Perspektive ist für die Entwicklung von Scham zentral. Eine Metaanalyse von van Eickels et al. aus dem Jahr 2025 untersuchte 65 Stichproben mit insgesamt 19.144 Personen und fand einen kleinen positiven Zusammenhang zwischen dysfunktionalen Eltern-Kind-Beziehungen und Scham bei Kindern und Jugendlichen. Positive Merkmale der Eltern-Kind-Beziehung waren dagegen negativ mit Scham assoziiert. Die Autoren betonen zugleich, dass die Befunde keine einzelne Theorie der Entstehung von Scham beweisen und die Effektstärken relativ klein sind.

Damit lässt sich zunächst empirisch festhalten, dass die Qualität der frühen Beziehung zwischen Eltern und Kind mit der Entwicklung von Scham zusammenhängt. Nicht belegt ist damit jedoch, dass eine bestimmte Form elterlicher Psychopathologie eine bestimmte spätere Symptomatik hervorruft.

Für die hier entwickelte Hypothese ist deshalb weniger der Begriff „narzisstische Eltern“ als die spezifische emotionale Konstellation entscheidend: Was erlebt das Kind als beschämend? Wie wird in der Familie mit Beschämung umgegangen? Welche Bedeutung besitzt das Urteil anderer Menschen? Und welche Verantwortung erlebt das Kind für die soziale Außenwirkung der Familie?

Narzissmus und Schamvulnerabilität

Die Verbindung zwischen Narzissmus und Scham ist in der psychodynamischen Literatur seit langem bedeutsam. Narzissmus ist dabei nicht mit bloßer Selbstverliebtheit gleichzusetzen. Im klinischen Zusammenhang kann vielmehr eine ausgeprägte Vulnerabilität des Selbstwertes bestehen. Grandiosität und Überlegenheit können mit einer erheblichen Empfindlichkeit gegenüber Kritik, Entwertung und sozialer Zurückweisung verbunden sein.

Scham ist in diesem Zusammenhang besonders relevant, weil sie die Diskrepanz zwischen dem gewünschten und dem tatsächlich erlebten Selbst berühren kann. Wo das eigene Selbstbild stark auf Anerkennung angewiesen ist, kann eine soziale Kränkung nicht nur als unangenehm, sondern als Bedrohung des eigenen Selbstwertes erlebt werden.

Auch empirisch findet sich eine Verbindung zwischen narzisstischer Psychopathologie und Scham. Ritter et al. untersuchten Personen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung und fanden sowohl auf der Ebene expliziter Scham als auch bei impliziten Scham-Selbst-Assoziationen Hinweise auf eine erhöhte Schamproblematik. Die Autoren verweisen damit auf Scham als einen wichtigen Bestandteil narzisstischer Psychopathologie.

Damit ist allerdings nicht gesagt, dass Narzissmus und Scham dasselbe wären oder dass schamempfindliche Eltern zwangsläufig narzisstisch sind. Scham ist eine universelle menschliche Emotion. Für die vorliegende Fragestellung ist vielmehr interessant, dass ein Kind die Schamvulnerabilität seiner Eltern wahrnehmen kann, ohne dass diese ausdrücklich benannt werden muss.

Ein Kind kann beispielsweise erleben, dass Kritik sofort abgewehrt wird, dass eine peinliche Situation nicht ausgehalten werden kann, dass auf Kränkung mit Wut, Rückzug, Rechtfertigung oder demonstrativer Überlegenheit reagiert wird. Es muss dafür keine psychologische Theorie besitzen. Es nimmt lediglich wahr:

Meine Eltern können es nicht gut ertragen, beschämt zu werden.

Wenn die Eltern selbst beschämend erlebt werden

Nun kommt ein zweiter, für die vorliegende Hypothese entscheidender Aspekt hinzu: Das Kind kann seine Eltern selbst als beschämend erleben.

Fremdscham beziehungsweise vicarious embarrassment bezeichnet eine Form sozialer Emotion, bei der die peinliche oder normverletzende Situation einer anderen Person stellvertretend als unangenehm erlebt wird. In der Forschung wird hervorgehoben, dass hierfür eine Perspektivübernahme erforderlich ist: Die Person betrachtet die Situation gewissermaßen durch die Augen eines möglichen sozialen Publikums.

Gerade gegenüber den eigenen Eltern erhält diese Emotion eine besondere Bedeutung. Ein Kind kann sich von einem peinlich auftretenden Fremden innerlich distanzieren. Von seinen Eltern kann es das nicht in gleicher Weise. Die Eltern sind Teil seiner familiären und sozialen Identität.

Damit kann eine eigentümliche Spannung entstehen:

Das Kind schämt sich für seine Eltern und gehört zugleich zu ihnen.

Es kann denken:

„Was meine Eltern tun, ist peinlich.“

Aber zugleich:

„Die anderen sehen, dass dies meine Eltern sind.“

Aus der Fremdscham wird dadurch möglicherweise eine soziale Selbstbetroffenheit.

Die Frage lautet nicht mehr nur:

„Warum verhalten die sich so?“

Sie lautet:

„Was denken die anderen über uns?“

Die doppelte Schamkonstellation

Besonders interessant wird diese Situation, wenn das Kind gleichzeitig die hohe Schamempfindlichkeit der Eltern wahrnimmt.

Dann befindet sich das Kind gewissermaßen zwischen zwei sozialen Blicken.

Zum einen sieht es die Eltern und erlebt deren Verhalten als peinlich.

Zum anderen sieht es die Eltern durch die vermuteten Augen der anderen und erkennt möglicherweise, wie verletzlich die Eltern gegenüber einer solchen Bewertung sind.

Das Kind könnte damit lernen:

„Ich schäme mich für sie.“

und zugleich:

„Ich darf nicht zeigen, dass ich mich für sie schäme.“

Damit beobachtet das Kind nicht mehr nur die soziale Situation. Es beobachtet seine eigene Reaktion auf die soziale Situation.

Diese zusätzliche Beobachtungsebene ist psychologisch bedeutsam. Das Kind muss möglicherweise gleichzeitig registrieren, was die Eltern tun, wie die anderen reagieren, wie die Eltern auf die anderen reagieren und wie es selbst darauf reagiert.

Aus der einfachen Fremdscham kann so eine permanente soziale Wachsamkeit entstehen.

Das Kind als Beobachter der familiären Außenwirkung

Ein Kind, das wiederholt solche Situationen erlebt, könnte eine besondere Sensibilität für die Außenwirkung der Familie entwickeln. Es achtet auf Tonfall, Kleidung, Lautstärke, Sprache, Benehmen, soziale Angemessenheit und auf die Reaktionen anderer Menschen.

Das muss nicht bewusst geschehen. Es kann zu einer impliziten inneren Haltung werden:

Was wird gleich passieren?

Wer hat es bemerkt?

Was denken die anderen?

Wie werden meine Eltern reagieren?

Darf ich zeigen, dass mir das peinlich ist?

Muss ich die Situation irgendwie entschärfen?

Damit übernimmt das Kind möglicherweise eine soziale Beobachtungs- und Regulationsfunktion, die seiner eigentlichen Position nicht entspricht.

Es muss nicht ausdrücklich zum „Beschützer“ der Eltern gemacht werden. Es kann diese Funktion aus der emotionalen Logik der Familie heraus entwickeln.

Wenn die Eltern selbst stark auf Beschämung reagieren, kann die soziale Situation für das Kind zusätzlich bedeutsam werden. Es geht dann nicht nur darum, ob die Eltern sich unangemessen verhalten. Es geht auch darum, ob ihre Verletzlichkeit sichtbar wird.

Das Kind könnte dadurch lernen, dass soziale Beschämung unbedingt verhindert werden muss.

Von der Fremdscham zur Selbstbeobachtung

Der entscheidende Entwicklungsschritt besteht darin, dass dieser Beobachtungsmodus sein Objekt verändern kann.

Im Kindesalter lautet die Frage vielleicht:

„Wie wirken meine Eltern?“

Dann:

„Was denken die anderen über meine Eltern – und damit über uns?“

In der Adoleszenz kann daraus werden:

„Wie wirke ich selbst auf andere?“

Die soziale Aufmerksamkeit, die zunächst nach außen gerichtet war, richtet sich nun auf die eigene Person.

Dies passt zu kognitiven Modellen sozialer Angst. Clark und Wells sowie Rapee und Heimberg beschreiben soziale Angst unter anderem als durch Selbstfokussierung, negative Annahmen über die eigene soziale Erscheinung, erwartete negative Bewertung und Sicherheitsverhalten aufrechterhalten.

Damit lässt sich eine Verbindung zur hier entwickelten Hypothese herstellen: Eine früh eingeübte soziale Beobachtungsbereitschaft könnte im Verlauf der Entwicklung ein neues Objekt bekommen – das eigene Selbst.

Das bedeutet nicht, dass jede soziale Selbstbeobachtung aus Fremdscham entsteht. Die Hypothese besagt lediglich, dass Fremdscham eine mögliche biografische Vorgeschichte einer besonders ausgeprägten sozialen Selbstbeobachtung darstellen könnte.

Die Adoleszenz als Wendepunkt

Die Adoleszenz könnte für diesen Prozess eine besondere Bedeutung besitzen, weil der eigene Körper und die soziale Identität in dieser Phase erheblich an Bedeutung gewinnen.

Das Kind, das bislang vor allem beobachtet hat, wie seine Familie auf andere wirkt, wird selbst zum Gegenstand sozialer Wahrnehmung. Der Körper verändert sich; das eigene Aussehen wird bewusst; die Meinung Gleichaltriger gewinnt an Gewicht.

Damit kann sich der soziale Blick vollständig auf die eigene Person verschieben.

Aus

„Wie wirken meine Eltern?“

wird

„Wie wirke ich?“

Und aus

„Was denken die anderen über uns?“

kann werden:

„Was denken die anderen über mich?“

Wenn bereits zuvor eine hohe Sensibilität für Beschämung entstanden ist, könnte die Adoleszenz damit zu einem entscheidenden Verstärker werden.

Das Gesicht als sichtbarer Ort der Scham

Das Erröten besitzt gegenüber vielen anderen körperlichen Reaktionen eine besondere Eigenschaft: Es kann für andere sichtbar sein.

Genau diese Sichtbarkeit macht es psychologisch problematisch. Eine Person kann sich innerlich unsicher fühlen, ohne dass andere dies erkennen. Beim Erröten kann dagegen die Befürchtung entstehen, der innere Zustand werde unmittelbar sichtbar.

Die Metaanalyse von Nikolić et al. zeigt, dass sozial ängstliche Menschen ihr eigenes Erröten stärker wahrnehmen und dessen Intensität teilweise überschätzen. Der Zusammenhang zwischen sozialer Angst und selbst wahrgenommenem Erröten war deutlich stärker als der Zusammenhang mit physiologisch gemessenem Erröten.

Damit wird verständlich, warum das Erröten selbst zum Gegenstand der Angst werden kann.

Die Person schämt sich.

Sie bemerkt die Scham.

Sie befürchtet, dass die Scham sichtbar wird.

Sie bemerkt eine körperliche Reaktion.

Sie interpretiert diese Reaktion als Beweis dafür, dass die Scham sichtbar wird.

Dadurch steigt die Selbstaufmerksamkeit weiter.

Das Erröten wird somit nicht nur körperliche Reaktion, sondern soziale Information.

„Scham über die Scham“

Hier entsteht eine besonders problematische Rückkopplung.

Die Person errötet nicht nur. Sie schämt sich dafür, dass sie errötet.

Sie versucht nicht nur, die Scham zu verbergen. Sie versucht, die körperliche Sichtbarkeit der Scham zu kontrollieren.

Damit entsteht ein Kreislauf:

soziale Situation → Selbstaufmerksamkeit → antizipierte Bewertung → körperliche Aktivierung → Erröten → Wahrnehmung des Errötens → Scham → Angst vor der Sichtbarkeit → verstärkte Selbstaufmerksamkeit.

Dieser Mechanismus lässt sich mit den kognitiv-verhaltenstherapeutischen Modellen sozialer Angst vereinbaren. Rapee und Heimberg beschreiben insbesondere die Rolle der erwarteten sozialen Bewertung und der selbstbezogenen Informationsverarbeitung bei der Aufrechterhaltung sozialer Angst.

Die Besonderheit des Errötens besteht dabei darin, dass die befürchtete soziale Sichtbarkeit nicht vollständig imaginär sein muss. Andere Menschen können eine Rötung tatsächlich wahrnehmen. Das Problem liegt daher weniger darin, dass die Person „sich etwas einbildet“, als in der möglicherweise katastrophischen Bedeutung, die sie dieser Wahrnehmung zuschreibt.

Wenn das Erröten mit 16 beginnt

Wenn eine junge Frau etwa mit 16 Jahren beginnt, pathologisch beziehungsweise subjektiv massiv belastend zu erröten, muss dies daher nicht bedeuten, dass die Ursache erst zu diesem Zeitpunkt entstanden ist.

Die Adoleszenz könnte vielmehr den Zeitpunkt markieren, an dem eine bereits vorhandene soziale Wachsamkeit auf die eigene Person übergeht.

Das Mädchen hat möglicherweise gelernt, soziale Situationen aufmerksam zu beobachten. Es kennt Fremdscham. Es kennt die Bedeutung des sozialen Urteils. Es hat vielleicht erlebt, dass seine Eltern selbst sehr empfindlich auf Beschämung reagieren. Nun wird es selbst zum sozialen Objekt.

Der bisherige Beobachtungsmodus bleibt erhalten, aber sein Gegenstand verändert sich.

Aus der Beobachtung der Familie wird Selbstbeobachtung.

Aus Fremdscham wird Selbstscham.

Aus dem Versuch, die soziale Außenwirkung der Familie zu kontrollieren, kann der Versuch werden, die eigene soziale Erscheinung zu kontrollieren.

Und der Körper wird zum zentralen Kontrollobjekt.

Entstehung und Aufrechterhaltung sind nicht dasselbe

Für das Erwachsenenalter ist eine weitere Unterscheidung entscheidend: Die mögliche Entstehung einer Vulnerabilität und die spätere Aufrechterhaltung eines Symptoms sind nicht dasselbe.

Selbst wenn eine frühe familiäre Erfahrung zur Entwicklung einer erhöhten sozialen Selbstaufmerksamkeit beigetragen haben sollte, muss die heutige Symptomatik nicht mehr unmittelbar mit den Eltern zusammenhängen.

Der ursprüngliche soziale Kontext kann längst verschwunden sein.

Der innere Beobachter kann jedoch bestehen bleiben.

Damit kann sich ein autonomer Kreislauf entwickeln, der sich selbst aufrechterhält. Eine soziale Situation löst Selbstbeobachtung aus; die Selbstbeobachtung erhöht die Wahrnehmung körperlicher Veränderungen; die Wahrnehmung des Errötens erzeugt Angst; die Angst verstärkt die autonome Aktivierung; die tatsächliche Rötung bestätigt wiederum die Befürchtung.

Das ursprüngliche Beziehungsgeschehen wäre dann möglicherweise nicht mehr die aktuelle Ursache jedes einzelnen Errötens, sondern Teil der Entwicklungsgeschichte einer später eigenständig gewordenen Symptomatik.

Gerade bei einer 22-jährigen Frau wäre diese Unterscheidung von Bedeutung. Die Behandlung müsste nicht voraussetzen, dass sie heute noch bewusst über ihre Eltern nachdenkt. Ein internalisiertes soziales Bewertungsmuster kann unabhängig vom ursprünglichen familiären Kontext weiterbestehen.

Eine entwicklungspsychologische Gesamtformulierung

Aus den bisher dargestellten Überlegungen lässt sich folgende hypothetische Entwicklung formulieren:

Ein Kind erlebt seine Eltern wiederholt als beschämend.

Es empfindet Fremdscham.

Weil es zu diesen Menschen gehört, kann es sich der Situation nicht vollständig entziehen.

Es beginnt, die Reaktionen der sozialen Umwelt aufmerksam zu beobachten.

Gleichzeitig nimmt es möglicherweise wahr, dass die Eltern selbst ausgesprochen empfindlich auf Beschämung reagieren.

Damit beobachtet es nicht nur die soziale Außenwirkung der Eltern, sondern auch deren Schamvulnerabilität.

Das Kind lernt möglicherweise, dass soziale Beschämung unbedingt vermieden werden muss.

Es entwickelt eine erhöhte soziale Wachsamkeit.

Diese Wachsamkeit wird im Laufe der Adoleszenz auf die eigene Person übertragen.

Der eigene Körper wird zum sozialen Beobachtungsobjekt.

Das Gesicht wird besonders bedeutsam, weil es emotionale Zustände sichtbar machen kann.

Das Erröten wird als Zeichen möglicher Bloßstellung interpretiert.

Die Angst vor dem Erröten verstärkt die Selbstbeobachtung und kann damit die Symptomatik aufrechterhalten.

Im Erwachsenenalter kann der ursprüngliche familiäre Kontext weitgehend verschwunden sein, während der internalisierte soziale Blick fortbesteht.

Diese Darstellung ist keine nachgewiesene Entwicklungssequenz. Sie ist eine theoretische Modellbildung, die verschiedene empirisch und theoretisch gut belegte Einzelzusammenhänge miteinander verbindet.

Warum gerade die Fremdscham als Bindeglied interessant ist

Die besondere Bedeutung der Fremdscham liegt darin, dass sie eine Brücke zwischen familiärer Beziehung und späterer Selbstbeobachtung bilden könnte.

Eine direkte Übertragung der elterlichen Scham auf das Kind wäre theoretisch nicht notwendig.

Es genügt zunächst, dass das Kind die Eltern als beschämend erlebt.

Das Kind entwickelt dadurch einen Blick auf die soziale Wirkung der Eltern.

Wenn es gleichzeitig die hohe Schamempfindlichkeit der Eltern wahrnimmt, muss es zusätzlich darauf achten, ob diese Scham sichtbar wird.

Damit entsteht eine doppelte soziale Perspektive:

„Wie sehen die anderen meine Eltern?“

und

„Wie sehen meine Eltern sich selbst durch die Augen der anderen?“

Das Kind befindet sich damit gewissermaßen innerhalb eines Systems von Blicken.

Es beobachtet die Eltern durch die Augen der anderen und die anderen durch die Reaktion der Eltern.

Später kann sich dieser gesamte Beobachtungsapparat auf das eigene Selbst richten.

Dann lautet die Frage:

„Wie sehen die anderen mich?“

Und schließlich:

„Was sehen die anderen an mir, das ich selbst lieber verbergen möchte?“

Das Erröten erhält in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung, weil es genau jene Grenze zwischen Innerem und Äußerem berührt.

Therapeutische Konsequenzen

Aus dieser Perspektive ergibt sich kein einzelnes, monokausales Therapiekonzept. Vielmehr müssen die aktuelle Symptomatik und die mögliche biografische Entstehung auf unterschiedlichen Ebenen berücksichtigt werden.

Zunächst ist eine angemessene diagnostische Abklärung erforderlich. Ausgeprägte Gesichtsrötung kann unterschiedliche körperliche Ursachen haben; außerdem müssen psychologische Faktoren wie soziale Angst, ausgeprägte Errötensangst und andere Formen der Selbstwert- oder Bewertungsproblematik voneinander unterschieden werden. Die NICE-Leitlinie zur sozialen Angst sieht in der Diagnostik ausdrücklich auch körperliche Symptome wie Erröten sowie körperliche Erkrankungen und Medikamente vor.

Wenn eine soziale Angstproblematik vorliegt, ist die aktuelle Aufrechterhaltung des Kreislaufs therapeutisch unmittelbar zugänglich. Die NICE-Leitlinie empfiehlt für Erwachsene als psychotherapeutische Erstbehandlung eine individuell durchgeführte, spezifisch auf soziale Angst zugeschnittene kognitive Verhaltenstherapie. Die dort beschriebenen Ansätze nach Clark und Wells beziehungsweise Heimberg arbeiten unter anderem mit der Reduktion selbstfokussierter Aufmerksamkeit, der Veränderung negativer Überzeugungen, Verhaltensexperimenten und graduierter Exposition gegenüber gefürchteten sozialen Situationen.

Für eine Person mit Errötensangst bedeutet dies insbesondere, dass nicht das Ziel verfolgt werden sollte, unter allen Umständen nicht zu erröten. Ein solches Ziel könnte die Selbstbeobachtung sogar verstärken.

Das therapeutisch bedeutsamere Ziel wäre:

Ich kann erröten, ohne deshalb die soziale Situation verlassen oder mich verstecken zu müssen.

Die Person soll erfahren, dass die körperliche Reaktion nicht automatisch jene sozialen Konsequenzen besitzt, die sie befürchtet.

Damit verliert das Erröten allmählich seine Funktion als Warnsignal.

Die biografische Arbeit

Wenn sich in der Anamnese tatsächlich eine ausgeprägte Fremdscham gegenüber den Eltern zeigt, kann eine psychotherapeutische Bearbeitung dieser Erfahrung sinnvoll sein.

Dabei wäre es wichtig, die subjektive Wahrnehmung des Kindes nicht nachträglich zu korrigieren.

Das Kind durfte seine Eltern peinlich finden.

Es durfte sich für ihr Verhalten schämen.

Es durfte sich wünschen, dass sie sich anders verhielten.

Die therapeutische Aufgabe besteht nicht darin, die Eltern nachträglich zu verurteilen, sondern die Verantwortungsgrenzen zu klären.

Die entscheidende Differenzierung lautet:

Ich habe mich für meine Eltern geschämt. Das bedeutet nicht, dass ich für ihr Verhalten verantwortlich war.

Und:

Ich habe wahrgenommen, dass meine Eltern selbst sehr schamempfindlich waren. Das bedeutet nicht, dass ich ihre Scham regulieren musste.

Damit kann eine möglicherweise sehr alte Verantwortungsstruktur korrigiert werden.

„Wessen Scham trage ich?“

Eine vorsichtig eingesetzte therapeutische Frage könnte deshalb lauten:

„Wessen Scham trage ich eigentlich?“

Diese Frage sollte nicht als suggestive Deutung eingesetzt werden. Sie ist nur dann sinnvoll, wenn sich aus der individuellen Biografie tatsächlich Hinweise auf eine frühe Übernahme fremder sozialer Verantwortung ergeben.

Die Frage kann dann helfen, verschiedene Ebenen auseinanderzuhalten:

Was habe ich selbst empfunden?

Wofür habe ich mich als Kind geschämt?

Was gehörte zu meinen Eltern?

Wofür fühlte ich mich verantwortlich?

Was davon ist heute noch meine Aufgabe?

Und schließlich:

Wie möchte ich selbst mit Sichtbarkeit und Scham umgehen?

Die therapeutische Auflösung

Wenn die Hypothese zutrifft, besteht die tiefere therapeutische Bewegung nicht einfach darin, weniger zu erröten. Sie besteht darin, die Notwendigkeit aufzugeben, soziale Beschämung ständig verhindern zu müssen.

Die erwachsene Frau muss nicht mehr die soziale Außenwirkung ihrer Eltern kontrollieren.

Sie muss deren Scham nicht regulieren.

Sie muss nicht verhindern, dass andere Menschen etwas Peinliches wahrnehmen.

Und sie muss ihren eigenen Körper nicht permanent überwachen, um eine mögliche soziale Katastrophe zu verhindern.

Dies entspricht zugleich einer zentralen Einsicht der modernen Behandlung sozialer Angst: Die Veränderung richtet sich nicht allein gegen ein bestimmtes Symptom, sondern gegen die Prozesse, durch die das Symptom aufrechterhalten wird – insbesondere Selbstfokussierung, Sicherheitsverhalten, negative Selbstbilder und die Erwartung negativer sozialer Bewertung.

Bemerkenswert ist, dass auch die NICE-Leitlinie für eine psychodynamische Behandlung sozialer Angst ausdrücklich einen Fokus auf Scham und auf Beziehungskonflikte vorsieht. Damit ist eine biografisch-relationale Perspektive nicht grundsätzlich ein Gegenmodell zur symptomorientierten Behandlung, sondern kann – bei entsprechender Indikation – mit dieser verbunden werden.

Schluss

Pathologisches Erröten lässt sich nicht seriös als unmittelbare Folge narzisstischer Eltern erklären. Eine solche Kausalbehauptung wäre durch die gegenwärtige Forschung nicht gedeckt.

Interessant ist jedoch eine andere Möglichkeit.

Nicht die narzisstische Eigenschaft der Eltern allein könnte entscheidend sein, sondern die soziale Welt, die das Kind innerhalb dieser Beziehung erlebt.

Wenn ein Kind seine Eltern wiederholt als beschämend erlebt, entsteht Fremdscham. Weil es von seinen Eltern nicht unabhängig ist, kann diese Fremdscham zugleich zu einer Frage der eigenen sozialen Zugehörigkeit werden. Das Kind beginnt möglicherweise zu beobachten, wie die Familie auf andere wirkt. Wenn es dabei gleichzeitig wahrnimmt, dass die Eltern selbst ausgesprochen empfindlich auf Beschämung reagieren, entsteht eine zusätzliche Beobachtungsebene: Das Kind muss nicht nur die Außenwirkung der Eltern, sondern auch deren mögliche Verletzbarkeit durch diese Außenwirkung beachten.

Aus dieser Konstellation könnte eine ausgeprägte soziale Wachsamkeit entstehen.

Was denken die anderen?

Was haben sie bemerkt?

Was denken meine Eltern darüber?

Darf ich zeigen, dass ich mich schäme?

Muss ich etwas verhindern?

Im Verlauf der Entwicklung kann sich dieser Beobachtungsapparat auf die eigene Person richten. Die Frage „Wie wirken meine Eltern?“ wird zur Frage „Wie wirke ich?“. In der Adoleszenz wird der Körper zum sozialen Objekt; das Gesicht wird zur sichtbaren Oberfläche des Selbst. Das Erröten kann dann zu einer besonders gefürchteten Form sozialer Sichtbarkeit werden.

Aus Fremdscham kann Selbstbeobachtung werden.

Aus Selbstbeobachtung kann Selbstscham werden.

Aus Selbstscham kann die Angst vor der Sichtbarkeit der eigenen Scham entstehen.

Und aus der Angst vor dem Erröten kann ein Kreislauf entstehen, der sich schließlich von seiner ursprünglichen biografischen Situation verselbstständigt.

Gerade darin liegt die Bedeutung der Unterscheidung zwischen Entstehung und Aufrechterhaltung. Die Eltern müssen im Erwachsenenalter nicht mehr anwesend sein, damit der soziale Blick fortbesteht. Der Blick kann internalisiert worden sein.

Die therapeutische Aufgabe bestünde dann in einer doppelten Bewegung: Einerseits muss der gegenwärtige Kreislauf aus Selbstaufmerksamkeit, Errötensangst und körperlicher Aktivierung verändert werden. Andererseits kann es notwendig sein, die früh erlernte soziale Verantwortlichkeit zu überprüfen.

Die entscheidende Entwicklung wäre dann eine Rückgabe von Verantwortung.

Das erwachsene Selbst muss nicht mehr die soziale Hüterin der Familie sein.

Es muss nicht verhindern, dass die Eltern peinlich wirken.

Es muss nicht verhindern, dass andere Menschen etwas Peinliches wahrnehmen.

Und es muss nicht verhindern, dass der eigene Körper eine sichtbare menschliche Reaktion zeigt.

Das Ziel wäre deshalb nicht zwingend ein Leben ohne Erröten. Es wäre ein Leben, in dem Erröten nicht mehr die Bedeutung besitzt, die es möglicherweise einmal bekommen hat.

Ein Mensch darf sichtbar sein, ohne sich ausgeliefert zu fühlen.

Er darf erröten, ohne sich verstecken zu müssen.

Er darf sich schämen, ohne sich deshalb als beschämend erleben zu müssen.

Und er darf schließlich unterscheiden zwischen der eigenen Scham und der Scham anderer Menschen.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Entwicklung von der Fremdscham zur Autonomie: Der Blick, mit dem das Kind einst die soziale Welt überwachen musste, wird im Erwachsenenalter wieder zu einem eigenen Blick auf das eigene Leben.

Literatur

Clark, D. M., & Wells, A. (1995). A cognitive model of social phobia. In R. G. Heimberg, M. R. Liebowitz, D. A. Hope & F. R. Schneier (Hrsg.), Social Phobia: Diagnosis, Assessment, and Treatment (S. 69–93). New York: Guilford Press.

Mendez, M. F., Yerstein, O., & Jimenez, E. E. (2020). Vicarious Embarrassment or “Fremdscham”: Overendorsement in Frontotemporal Dementia. Journal of Neuropsychiatry and Clinical Neurosciences, 32(3), 274–279. https://doi.org/10.1176/appi.neuropsych.19030053.

Nikolić, M., Colonnesi, C., de Vente, W., Drummond, P. D., & Bögels, S. M. (2015). Blushing and Social Anxiety: A Meta-Analysis. Clinical Psychology: Science and Practice, 22(2), 177–193. https://doi.org/10.1111/cpsp.12102.

Nikolić, M., Colonnesi, C., de Vente, W., & Bögels, S. M. (2016). Blushing in early childhood: Feeling coy or socially anxious? Emotion, 16(4), 475–487. https://doi.org/10.1037/emo0000131.

Rapee, R. M., & Heimberg, R. G. (1997). A cognitive-behavioral model of anxiety in social phobia. Behaviour Research and Therapy, 35(8), 741–756. https://doi.org/10.1016/S0005-7967(97)00022-3.

Ritter, K., Vater, A., Rüsch, N., Schröder-Abé, M., Schütz, A., Fydrich, T., Lammers, C.-H., & Roepke, S. (2014). Shame in patients with narcissistic personality disorder. Psychiatry Research, 215(2), 429–437. https://doi.org/10.1016/j.psychres.2013.11.019.

van Eickels, R. L., Siegel, M., Juhasz, A. J., & Zemp, M. (2025). The parent–child relationship and child shame and guilt: A meta-analytic systematic review. Child Development, 96(3), 907–929. https://doi.org/10.1111/cdev.14212.

National Institute for Health and Care Excellence (NICE). (2013, laufend aktualisierte Onlinefassung). Social anxiety disorder: recognition, assessment and treatment (CG159).

Verfasser und Verantwortlich für den Inhalt:
Dr., Diplom-Pädagogin, Pädagogische Psych., Claudia J. Schulze, Gutachten, Lerntherapie, Supervision (Päd. Grundberufe; Didaktik, Methodik, Analysen), Psych. Beratung, Psychotherapie, Praxis für Lerntherapie & Lerntraining / Familientherapie / Psychotherapie (HPG), 78052 Villingen-Schwenningen
zum Anbieterprofil ».

Dr Diplom-Pädagogin Pädagogische Psych Claudia J Schulze Gutachten Lerntherapie Supervision Päd Grundberufe  Didaktik Methodik Analysen Psych Beratung Psychotherapie  Praxis für Lerntherapie  Lerntraining  Familientherapie  Psychotherapie HPG 78052 Villingen-Schwenningen Dr., Diplom-Pädagogin, Pädagogische Psych., Claudia J. Schulze, Gutachten, Lerntherapie, Supervision (Päd. Grundberufe; Didaktik, Methodik, Analysen), Psych. Beratung, Psychotherapie,
Praxis für Lerntherapie & Lerntraining / Familientherapie / Psychotherapie (HPG), 78052 Villingen-Schwenningen
http://www.therapeutenfinder.com/therapeuten/burnout-beratung-therapie-vs-villingen-claudia-j-schulze.html

Kommentar zu diesem Artikel eingeben

Hier können Sie Ihre Meinung zu diesem Artikel hinterlassen. Bitte beachten Sie dabei unsere Nutzungsbedingungen. Mit * markierte Felder müssen ausgefüllt sein (Es darf auch ein Pseudonym sein). Ihre E-Mail Adressen wird selbstverständlich nicht veröffentlicht.



Sicherheitscode *

Diese Seite teilen:
Facebook Icon Googleplus Icon Twitter Icon Xing Icon

Bewertungen

noch keine Bewertungen

Weiterführende Links

EMDR-Brille REMSTIM 3000

EMDR-Brille REMSTIM 3000

Anzeige

Seitenanfang