Musiktherapie

Musiktherapie

Die ontologische Identität des Klangs:

Göttliche Urheberschaft, mystische Anthropologie und ihre Relevanz für die Musiktherapie

Claudia J. Schulze

Abstract

Der vorliegende Beitrag untersucht die ontologische Dimension von Musik im Spannungsfeld zwischen sakraler Ästhetik, mystischer Anthropologie und musiktherapeutischer Praxis. Ausgangspunkt ist eine bekannte Anekdote über Mozart und Bach, deren Pointe („Ich BIN Bach“) im Lichte der sufischen Konzepte Fana (Entwerdung) und Wahdat al-Wujud (Einheit des Seins) neu gelesen wird. Die These lautet, dass Musik – insbesondere die Polyphonie Johann Sebastian Bachs – nicht lediglich als ästhetisches Objekt, sondern als Manifestation eines überindividuellen Seins verstanden werden kann. Daraus ergeben sich grundlegende Implikationen für die Musiktherapie: Heilung erscheint nicht primär als Ausdrucksleistung des Subjekts, sondern als Wiederherstellung von Resonanzfähigkeit und Durchlässigkeit. Musik wird so zum Medium existenzieller Erfahrung, in dem sich Ordnung, Kohärenz und Transzendenz ereignen.

1. Einleitung: Die Frage nach der Urheberschaft

Mozart stirbt und gelangt in den Himmel. Gott selbst bietet ihm die Position des himmlischen Musikdirektors an. Auf Mozarts Nachfrage nach Bach antwortet Gott: „Ich BIN Bach.“

Diese Pointe verweist auf eine grundlegende ästhetische und ontologische Fragestellung: Wer ist der Urheber von Musik? Ist sie Produkt menschlicher Kreativität oder Ausdruck einer transzendenten Ordnung?

In der Musiktherapie ist dies besonders relevant, da hier nicht allein das Werk, sondern das Verhältnis des Menschen zum Klang im Zentrum steht. Die ontologische Sicht auf Musik beeinflusst ihr therapeutisches Potenzial.

2. Mystische Anthropologie: Rumi und die Entleerung des Subjekts

In der sufischen Tradition, insbesondere bei Dschalal ad-Din Rumi (1207–1273), wird der Mensch als Instrument göttlicher Manifestation verstanden. Das zentrale Bild der Rohrflöte (Ney) beschreibt den Menschen als leeres Gefäß, durch das der göttliche Atem strömt.[1]

Die Qualität des Klangs hängt dabei nicht von der Aktivität des Instruments ab, sondern von seiner Durchlässigkeit. Dieses Prinzip entspricht dem Konzept des Fana, der Entwerdung des Ego.[2] Das Selbst verliert seine Autonomie zugunsten einer radikalen Offenheit gegenüber dem Absoluten.

Ontologisch bedeutet dies: Das Subjekt ist nicht Ursprung, sondern Ort eines Geschehens.

3. Bach und die Struktur des Seins: Musica Mundana

Die Musik Johann Sebastian Bachs wird häufig als Ausdruck höchster struktureller Ordnung beschrieben. Zeitgenossen und Nachwelt bezeichneten ihn nicht selten als „fünften Evangelisten“.[3]

Diese Zuschreibung verweist auf die Lehre der Musica Mundana, nach der kosmische Ordnung sich in musikalischen Proportionen widerspiegelt.[4] Musik ist hier Teilhabe an einer realen, ontologischen Harmonie.

Bachs Polyphonie erzeugt keine chaotische Vielstimmigkeit, sondern höhere Ordnung. Die Struktur selbst wird zum Träger von Sinn. Gott manifestiert sich in der Struktur von Bachs Musik.

4. Wahdat al-Wujud: Aufhebung der Dualität

Das metaphysische Konzept der Wahdat al-Wujud beschreibt die Einheit allen Seins.[5] Die scheinbare Trennung zwischen Schöpfer und Schöpfung ist demnach eine Perspektivfrage.

Auf Musik übertragen bedeutet dies: Der Komponist ist nicht autonomer Urheber, das Werk ist nicht bloßes Produkt, der Klang ist nicht Repräsentation. Vielmehr ist Musik ein Ereignis, in dem sich Sein selbst aktualisiert.

5. Musiktherapeutische Implikationen

5.1 Musik als Resonanzraum

Musik ist nicht primär Ausdruck des Subjekts, sondern Raum, in dem sich das Subjekt neu konstituiert. Der therapeutische Prozess zielt auf Resonanzfähigkeit.[6]

5.2 Struktur: Bach in der Therapie

Stark strukturierte Musik stabilisiert und unterstützt Affektregulation.[7] Die Wirkung liegt nicht nur in der Ordnung der Musik, sondern in der Erfahrung, Teil einer solchen Ordnung zu sein.

5.3 Improvisation und das Zurücktreten des Ich

In aktiven Verfahren entsteht Musik häufig „von selbst“, ein Phänomen, das psychologisch als Flow beschrieben wird.[8] Ontologisch entspricht dies einer temporären Aufhebung der Subjekt-Objekt-Differenz.

5.4 Der gemeinsame Klangraum

Die therapeutische Beziehung konstituiert sich wesentlich über Klang. Dieser Klangraum ist relational und kann als „Dritter Raum“ beschrieben werden,[9] in dem Begegnung und Erfahrung von Einheit möglich werden.

6. Ontologische Pointe: Musik als Vollzug des Seins

Musik ist nicht ein Gegenstand innerhalb der Welt, sondern ein Ereignis, in dem Welt sich erschließt. Der Klang ist nicht im Sein – das Sein ist im Klang gegenwärtig. Musiktherapie arbeitet nicht nur mit einem Medium, sondern mit einer Weise des Seins.

Heilung geschieht dort, wo der Mensch sich nicht ausschließlich als isoliertes Subjekt erfährt, sondern als Teil eines tragenden Zusammenhangs.

7. Schluss

„Ich BIN Bach“ bedeutet, dass wahre Kunst nicht außerhalb ihres Ursprungs steht, sondern mit ihm identisch ist. Musik ist nicht nur Werkzeug, sondern Wirklichkeitsträger und ermöglicht Erfahrungen von Ordnung, Einheit und Transzendenz – zentrale Elemente therapeutischer Prozesse. Musiktherapie wird so zu einem Ort, an dem Sein erfahrbar wird.

Literatur / Fußnoten

  • Rumi, Dschalal ad-Din: Masnawi. Übers. u. versch. Ausgaben. Vgl. das Ney-Gleichnis.
  • Schimmel, Annemarie (1995): Mystische Dimensionen des Islam. Frankfurt a. M.: Insel.
  • Geck, Martin (2000): Johann Sebastian Bach: Leben und Werk. Reinbek: Rowohlt.
  • Godwin, Joscelyn (1987): Harmonies of Heaven and Earth. Rochester: Inner Traditions.
  • Ibn ʿArabi (versch. Ausgaben): Die Weisheit der Propheten (Fusus al-Hikam).
  • Antonovsky, Aaron (1997): Salutogenese: Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Tübingen: dgvt.
  • Thaut, Michael (2005): Rhythm, Music, and the Brain. New York: Routledge.
  • Csikszentmihalyi, Mihaly (1990): Flow: The Psychology of Optimal Experience. New York: Harper & Row.
  • Winnicott, Donald W. (1971): Playing and Reality. London: Tavistock.
  • Weitere Informationen:
    https://www.therapeutenfinder.com/login/artikeleingeben.html

    Verfasser und Verantwortlich für den Inhalt:
    Dr., Diplom-Pädagogin, Pädagogische Psych., Claudia J. Schulze, Gutachten, Lerntherapie, Supervision (Päd. Grundberufe; Didaktik, Methodik, Analysen), Psych. Beratung, Psychotherapie, Praxis für Lerntherapie & Lerntraining / Familientherapie / Psychotherapie (HPG), 78052 Villingen-Schwenningen
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    http://www.therapeutenfinder.com/therapeuten/burnout-beratung-therapie-vs-villingen-claudia-j-schulze.html

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