Heilungsprozesse / Narzissmus

Heilungsprozesse / Narzissmus

Leben als Selbstextension: Innere Arbeitsmodelle und Heilungsprozesse bei erwachsenen Kindern narzisstischer Eltern

Abstract

Aufbauend auf der Annahme, dass Kinder narzisstischer Eltern als Selbstextension funktionalisiert werden, untersucht dieser Beitrag die langfristigen psychischen Organisationsformen im Erwachsenenalter. Im Zentrum stehen internalisierte Beziehungsmuster, strukturelle Dissoziation sowie therapeutische Transformationsprozesse. Es wird argumentiert, dass die Wiederaneignung von Subjektivität einen zentralen Schritt in der Traumaverarbeitung darstellt.

1. Einleitung

Die Erfahrung, nicht als eigenständiges Subjekt, sondern als Funktion im psychischen System der Eltern zu existieren, endet nicht mit dem Verlassen des Elternhauses. Vielmehr wird diese Beziehungserfahrung in Form sogenannter innerer Arbeitsmodelle (Bowlby, 1988) internalisiert und prägt Wahrnehmung, Selbstbewertung und Beziehungsgestaltung im Erwachsenenalter.

2. Internalisierte Selbst- und Objektbilder

2.1 Das „funktionale Selbst“

Betroffene entwickeln häufig ein Selbstkonzept, das primär auf Anpassung, Leistung oder Spiegelung anderer ausgerichtet ist. Das eigene Erleben wird dabei sekundär oder gar nicht wahrgenommen.

Dieses Muster ähnelt dem von Winnicott (1960) beschriebenen „False Self“, das sich zugunsten äußerer Anforderungen organisiert, während das „True Self“ unterentwickelt bleibt.

2.2 Innere Kritikerstruktur

Die externalen Bewertungen der Eltern werden internalisiert und manifestieren sich als rigide, selbstabwertende innere Stimmen. Diese fungieren als Fortsetzung der ursprünglichen Beziehung und stabilisieren das traumatische Beziehungsmuster.

3. Strukturelle Dissoziation und Selbstfragmentierung

Chronische relationale Traumatisierung kann zu einer strukturellen Dissoziation der Persönlichkeit führen (van der Hart et al., 2006). Dabei existieren unterschiedliche Selbstanteile, etwa:

  • Angepasste Anteile, die auf Funktionalität und äußere Erwartungen ausgerichtet sind
  • Verletzte Anteile, die abgespaltene Affekte wie Angst, Scham oder Wut tragen

Da das ursprüngliche Umfeld keinen sicheren Ausdruck dieser Affekte erlaubte, bleiben sie häufig unintegriert.

4. Beziehungsgestaltung im Erwachsenenalter

4.1 Reinszenierung früher Dynamiken

Ein zentrales Phänomen ist die Wiederholung früher Beziehungsmuster. Betroffene geraten häufig in Beziehungen, in denen sie erneut funktionalisiert oder emotional nicht gesehen werden.

4.2 Schwierigkeiten mit Grenzen

Da die eigene Subjektivität nie ausreichend validiert wurde, fällt es schwer, klare Grenzen zu setzen. Dies äußert sich in:

  • Überanpassung
  • Angst vor Zurückweisung
  • Schuldgefühlen bei Selbstbehauptung

4.3 Ambivalenz zwischen Nähe und Autonomie

Nähe wird gleichzeitig als notwendig und bedrohlich erlebt, was zu instabilen Beziehungsmustern führen kann.

5. Trauma und Körper

Neuere traumatherapeutische Ansätze betonen, dass relationale Traumata nicht nur kognitiv, sondern auch somatisch gespeichert werden (van der Kolk, 2014). Typische körperliche Korrelate sind:

  • Chronische Anspannung
  • Erhöhte Stresssensitivität
  • Schwierigkeiten, eigene Bedürfnisse körperlich wahrzunehmen

Der Körper fungiert dabei als „Gedächtnis“ früher Beziehungserfahrungen.

6. Therapeutische Implikationen

6.1 Wiederherstellung von Subjektivität

Ein zentrales Ziel besteht darin, das Erleben des eigenen Selbst als legitim und bedeutsam zu etablieren. Dies umfasst:

  • Differenzierung eigener Bedürfnisse
  • Entwicklung von Selbstmitgefühl
  • Aufbau eines stabilen Selbstwerts

6.2 Arbeit mit inneren Anteilen

Ansätze wie Ego-State-Therapie oder Internal Family Systems (IFS) ermöglichen die Integration abgespaltener Selbstanteile.

6.3 Korrektive Beziehungserfahrung

Die therapeutische Beziehung selbst stellt einen entscheidenden Wirkfaktor dar: Sie bietet erstmals eine Erfahrung von gesehen werden ohne Funktionalisierung.

7. Fazit

Die Erfahrung, als Selbstextension narzisstischer Eltern aufzuwachsen, wirkt tief in die psychische Struktur hinein und prägt das Erleben von Selbst und Beziehung nachhaltig. Heilung erfordert daher mehr als Symptomreduktion: Sie beinhaltet die grundlegende Transformation internalisierter Beziehungsmuster und die Wiederaneignung der eigenen Subjektivität.

Damit wird Therapie zu einem Prozess, in dem das Individuum schrittweise von einer funktionalen Existenzweise zu einem autonomen, integrierten Selbst findet.

Literatur (APA-Stil)

Bowlby, J. (1988). A secure base. Basic Books.

van der Hart, O., Nijenhuis, E. R. S., & Steele, K. (2006). The haunted self. Norton.

van der Kolk, B. A. (2014). The body keeps the score. Viking.

Winnicott, D. W. (1960). Ego distortion in terms of true and false self. In The maturational processes and the facilitating environment.

Weitere Informationen:
https://www.therapeutenfinder.com/login/artikeleingeben.html

Verfasser und Verantwortlich für den Inhalt:
Dr., Diplom-Pädagogin, Pädagogische Psych., Claudia J. Schulze, Gutachten, Lerntherapie, Supervision (Päd. Grundberufe; Didaktik, Methodik, Analysen), Psych. Beratung, Psychotherapie, Praxis für Lerntherapie & Lerntraining / Familientherapie / Psychotherapie (HPG), 78052 Villingen-Schwenningen
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