Narzisstische Eltern

Narzisstische Eltern

Narzisstische Elternschaft und die Konstruktion des Kindes als Selbstextension

Abstract

Narzisstische Eltern neigen dazu, ihre Kinder nicht als autonome Individuen, sondern als Erweiterungen des eigenen Selbst zu betrachten. Der vorliegende Beitrag beleuchtet dieses Phänomen aus psychoanalytischer und entwicklungspsychologischer Perspektive. Unter Rückgriff auf zentrale Theorien (u. a. Kohut, Kernberg) sowie empirische Befunde wird gezeigt, dass diese Form der Objektbeziehung die Identitätsentwicklung des Kindes nachhaltig beeinträchtigen kann.

1. Einleitung

Die Eltern-Kind-Beziehung ist zentral für die Entwicklung eines stabilen Selbstkonzepts. Während hinreichend sensitive Bezugspersonen die Autonomie des Kindes fördern, zeigen Eltern mit ausgeprägten narzisstischen Zügen häufig eine funktionalisierende Haltung: Das Kind wird primär im Hinblick auf seine Bedeutung für das elterliche Selbst bewertet. Diese Dynamik lässt sich konzeptuell als Wahrnehmung des Kindes als „Selbstextension“ fassen.

2. Theoretischer Hintergrund

2.1 Narzissmus in der klinischen Psychologie

Nach DSM-5 ist die narzisstische Persönlichkeitsstörung durch Grandiosität, ein starkes Bedürfnis nach Bewunderung und mangelnde Empathie gekennzeichnet (American Psychiatric Association, 2013). Auch subklinische narzisstische Ausprägungen können jedoch bereits die Qualität von Eltern-Kind-Interaktionen erheblich beeinflussen.

2.2 Selbstpsychologische Perspektive (Kohut)

Kohut (1971, 1977) beschreibt, dass Kinder in frühen Entwicklungsphasen als sogenannte „Selbstobjekte“ fungieren. Während dies entwicklungspsychologisch zunächst normal ist, gelingt gesunden Eltern eine allmähliche Anerkennung der kindlichen Autonomie. Narzisstische Eltern hingegen verbleiben auf dieser Stufe und nutzen das Kind dauerhaft zur Stabilisierung ihres Selbstwerts.

2.3 Objektbeziehungstheorie (Kernberg)

Kernberg (1975) betont, dass narzisstische Persönlichkeitsstrukturen durch eine mangelnde Integration von Selbst- und Objektrepräsentanzen gekennzeichnet sind. Das Kind wird dabei nicht als eigenständiges Objekt mit eigenen Bedürfnissen repräsentiert, sondern funktional in die eigene Selbststruktur eingebunden.

3. Das Kind als Selbstextension

Die Wahrnehmung des Kindes als Erweiterung des Selbst äußert sich in mehreren charakteristischen Mustern:

3.1 Instrumentalisierung zur Selbstwertregulation

Eltern projizieren eigene Ideale auf das Kind und erleben dessen Erfolge als persönliche Bestätigung (Brummelman et al., 2015). Misserfolge werden hingegen häufig als narzisstische Kränkung erlebt.

3.2 Einschränkung von Autonomie

Individuelle Wünsche oder abweichende Identitätsentwicklungen werden als Bedrohung wahrgenommen. Dies kann zu kontrollierendem oder intrusivem Erziehungsverhalten führen (Givertz & Segrin, 2014).

3.3 Projektive Prozesse

Negative Selbstanteile werden auf das Kind externalisiert. In der Familienforschung zeigt sich dies häufig in „Golden Child“- und „Scapegoat“-Dynamiken.

4. Empirische Befunde

Studien belegen einen Zusammenhang zwischen narzisstischen elterlichen Einstellungen und Entwicklungsrisiken bei Kindern:

  • Elterliche Überhöhung („parental overvaluation“):
    Führt zu erhöhtem Narzissmus bei Kindern (Brummelman et al., 2015).
  • Geringe Empathie und emotionale Responsivität:
    Korrelieren mit unsicheren Bindungsmustern und emotionaler Dysregulation (Otway & Vignoles, 2006).
  • Psychosoziale Folgen:
    Kinder berichten häufiger von Identitätsunsicherheit, geringem Selbstwert und interpersonellen Schwierigkeiten (Miller et al., 2011).

5. Entwicklungspsychologische Konsequenzen

Die langfristigen Auswirkungen lassen sich auf mehreren Ebenen beobachten:

  • Identitätsentwicklung:
    Schwierigkeiten bei der Ausbildung eines kohärenten Selbstkonzepts
  • Selbstwertregulation:
    Abhängigkeit von externer Bestätigung
  • Bindungsverhalten:
    Erhöhte Wahrscheinlichkeit unsicherer oder desorganisierter Bindungsstile
  • Psychische Gesundheit:
    Erhöhtes Risiko für Depressionen, Angststörungen und Persönlichkeitsstörungen

Diese Effekte resultieren aus der chronischen Missachtung der Subjektqualität des Kindes.

6. Diskussion und Fazit

Die Konzeptualisierung des Kindes als Selbstextension stellt ein zentrales Merkmal narzisstischer Elternschaft dar. Sie ist theoretisch gut fundiert und empirisch gestützt. Entscheidend ist, dass diese Dynamik nicht nur punktuelle Interaktionsprobleme beschreibt, sondern eine grundlegende Verzerrung der Eltern-Kind-Beziehung darstellt.

Für die klinische Praxis ergibt sich daraus die Notwendigkeit, insbesondere die Förderung von Autonomie, Selbstwert und mentalisierungsbasierter Kompetenz bei betroffenen Kindern in den Fokus zu stellen.

Literatur (APA-Stil)

American Psychiatric Association. (2013). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (5th ed.).

Brummelman, E., Thomaes, S., Nelemans, S. A., Orobio de Castro, B., Overbeek, G., & Bushman, B. J. (2015). Origins of narcissism in children. Proceedings of the National Academy of Sciences, 112(12), 3659–3662.

Givertz, M., & Segrin, C. (2014). The association between overparenting and young adults’ self-efficacy, psychological entitlement, and family communication. Communication Research, 41(8), 1111–1136.

Kernberg, O. F. (1975). Borderline conditions and pathological narcissism. Jason Aronson.

Kohut, H. (1971). The analysis of the self. International Universities Press.

Kohut, H. (1977). The restoration of the self. International Universities Press.

Miller, J. D., Campbell, W. K., & Pilkonis, P. A. (2011). Narcissistic personality disorder: Relations with distress and functional impairment. Comprehensive Psychiatry, 52(3), 315–324.

Otway, L. J., & Vignoles, V. L. (2006). Narcissism and childhood recollections. Personality and Social Psychology Bulletin, 32(1), 104–116.

Weitere Informationen:
https://www.therapeutenfinder.com/login/artikeleingeben.html

Verfasser und Verantwortlich für den Inhalt:
Dr., Diplom-Pädagogin, Pädagogische Psych., Claudia J. Schulze, Gutachten, Lerntherapie, Supervision (Päd. Grundberufe; Didaktik, Methodik, Analysen), Psych. Beratung, Psychotherapie, Praxis für Lerntherapie & Lerntraining / Familientherapie / Psychotherapie (HPG), 78052 Villingen-Schwenningen
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