Volksleiden Nummer 1: Chronische Verspannungen
17.05.2008
Ein Artikel von Anne Lindenberg
Schmerzhafte chronische Muskelverspannungen, vor allem im
Schulter-Nacken-Rücken-Bereich sind so verbreitet, dass schon von einem
Volksleiden gesprochen werden kann.
Angebliche Ursachen
Wenn sie in Presse oder TV erwähnt werden, dann meistens mit
dem Hinweis auf die Ursache ?Fehlhaltungen und Fehlbelastungen?, also zuviel
und falsches Sitzen, zuwenig Bewegung, angewöhnte ?falsche? Körperhaltungen.
Dem entsprechen auch die empfohlenen Maßnahmen:
Anders sitzen, mehr Bewegung, Bewegungstraining wie zum
Beispiel Rückentraining oder in schlimmen Fällen Physiotherapie,
Krankengymnastik, medizinische Massagen.
jeder schon einmal ausprobiert.
Seelische Belastungen verschlimmern die Verspannungen
Die meisten Betroffenen berichten, dass die Verspannungen
sich unter Stress und zwar vor allem seelischem Stress, deutlich verschlimmern:
Zeitdruck, Überforderung, die Angst vor Fehlern, Konflikte in Partnerschaft,
Familie oder am Arbeitsplatz.
Das bringt uns eher auf die richtige Spur:
Aus der praktisch angewendeten Körperpsychotherapie wurden
folgende Erkenntnisse empirisch gewonnen, also durch die praktische Arbeit mit
Menschen, die dem nachgeht, was tatsächlich (dauerhaft) verbessert unter dem
?Versuch und Irrtum? ? Prinzip.
Verspannungen sind nicht auf Gewohnheiten zurückzuführen
Diesen Erkenntnissen zufolge sind chronische schmerzhafte
Verspannungen nicht auf ?Gewohnheiten? zurückzuführen (kein Organismus ist so
unklug, ohne wirklich zwingenden Grund schmerzhafte und gelenkschädigende
Gewohnheiten zu etablieren und aufrecht zu erhalten).
Die Instinktebene
Sie sind auch nicht seelisch bedingt, im Sinne der
Gefühlsebene.
Die Ursachen von ?hartnäckigen? Verspannungen (wie bildhaft
dieser Begriff ist!) sitzen noch eine ?Etage? tiefer: Auf der Ebene unserer
Instinkte, Reflexe und Bewegungsimpulse. Sie werden vom Stammhirn und vom
Bauchhirn dirigiert, die ganz autonom, ?un-willkürlich?, also nicht dem
bewussten Willen folgend, agieren und reagieren.
Sie können unterdrückt werden oder gesteuert werden (mit
viel Übung, und zwar in Form einer Zusammenarbeit), nicht jedoch kontrolliert
werden wie zum Beispiel ein ferngesteuertes Modellauto.
So entstehen Verspannungen
Die Entstehung von Verspannungen können wir uns etwa so
vorstellen:
Kleine Kinder sind Bündel aus unwillkürlichen Bewegungsimpulsen. Behagen und
Unbehagen, Impulse, Bewegungen, Lust und Unlust, Angst, Empörung, Genuss,
Aufsuchen und Meiden werden empfunden, gefühlt und motorisch, mimisch und mit
der Stimme ausgedrückt, und zwar simultan, das heißt, zwischen Empfindung,
Impuls und Ausdruck vergeht keine Zeit.
Verläuft die Entwicklung ungestört, so lernt der
Gesamtorganismus in den ersten etwa 10 (!) Lebensjahren, mit diesem komplexen
Geschehen umzugehen, es zu steuern und beispielsweise nicht mehr jeden Impuls
und jedes Gefühl ungebremst auszudrücken. Der Wille, das Bewusstsein lernt, das
unwillkürliche Geschehen wahrzunehmen und situationsangemessen auszudrücken.
Unfall verhindert ? Impuls verhindert
Nehmen wir einen knapp Dreijährigen, der seinem Ball hinterher laufen will (also einen starken Bewegungsimpuls zu etwas hin hat) und von seinem Vater festgehalten wird, weil er sonst auf die Straße laufen würde (wobei ein Kind in dem Alter die Gefahren natürlich noch nicht überblickt). Der Impuls wandelt sich sofort in einen Befreiungsreflex, der Bub will um sich schlagen, treten, sich winden und schreien, um dann, befreit, dem ursprünglichen Impuls folgen zu können, nämlich dem Ball hinterher zu laufen.
Alltägliche Szenen, wie sie überall und fast zu jeder
Tageszeit zu beobachten sind. Niemand meint es böse, keiner will etwas
Schlechtes: Der Junge will seinem Ball hinterher laufen; der Vater will sein
Kind vor einem Verkehrsunfall beschützen, und zwar möglichst mit einer Lektion
verbunden, die zukünftige Unfälle unwahrscheinlicher macht.
Der Bub lernt, dass seine noch ungesteuerten Impulse ihm die
Feindschaft seines Vaters einbringen; er lernt, seinen autonomen Prozessen zu
misstrauen. Also wird er sie in Zukunft unterdrücken, da er sie noch nicht
steuern kann. Eben diese Unterdrückung führt jedoch leider auch dazu, dass er
die Steuerung nicht lernen kann, sondern bei der Unterdrückung bleibt.
Aus Angst vor den Reaktionen seines Vaters unterdrückt er zukünftig Schlag,- Tret- und Schreiimpulse. (Wobei eine einzelne Situation dieser Art dafür nicht ausreicht; es sind die wiederholten Vorkommnisse, die den lebendigen Fluss der Impulse nach und nach stoppen.)
Das heißt, dass sein autonomes System jeweils zwei sich gegenseitig hemmende Impulse gleichzeitig verwalten muss: Den Schlagimpuls und den Angst-/Meideimpuls.
Von außen ist davon nicht viel zu sehen (außer einer "Haltungsgewohnheit", zum Beispiel hochgezogenen Schultern), jedoch die beteiligten Muskeln, bei Schlagimpulsen sind es vor allem die Schultermuskeln, sind dauerhaft angespannt, weil sich keiner der Impulse entladen kann.
Schreien und mit dem Kopf stoßen wird durch Anspannung von Nacken- und Halsmuskulatur unterdrückt, Treten und Laufen durch Anspannung der Lendenwirbelsäule.
Kein Wunder, dass schon bei vielen Kindern vielfältige, unterschiedlich stark ausgeprägte Verwindungen der Wirbelsäule zu beobachten sind!
Um die eigenen Impulse möglichst gar nicht mehr wahrzunehmen, wird außerdem reflexartig die Atmung kontrolliert und abgeflacht. Das geschieht mit Hilfe der sogenannten Atemhilfsmuskulatur, also Zwischenrippenmuskeln, Bauchmuskeln und den langen Rückenstreckern.
Damit ist auch der mittlere Rückenbereich chronisch
verspannt, da er die autonome Atemregulation mit verhindert.
Wir strengen uns mächtig an
Übrigens kostet es eine enorme ständige Anstrengung, so ein
Impuls unterdrückendes System aufrecht zu erhalten. Sie verbraucht permament
Kraft, die dann woanders in der Lebensführung zwangsläufig fehlt.
So erklären sich Gefühle von Überforderung, Resignation, ja,
sogar bestimmte Depressionsformen können so mit verursacht werden (wobei
meistens noch andere Faktoren hinzukommen).
Das Ziel
Leider sind die ursprünglichen Impulse ja durch starke
Angstimpulse blockiert. Beide sind meistens verdrängt worden und damit nicht
ohne weiteres zugänglich.
Verdrängung ist eine sehr kluge Maßnahme des Organismus, der
unlösbare Situationen einfach zur Seite stellt und dadurch immerhin mit dem
Rest der Kraft weitermachen kann.
Das Ziel ist natürlich, die ausdrucksverhindernden Kräfte zu verstehen und zur Mitarbeit zu bewegen, damit die autonome Impuls-Abteilung wieder wahrgenommen, aber auch ihre Steuerung nachgelernt werden kann.
Das Lebensgrundgefühl wird leichter und erfüllter, die
Fähigkeit zu empfinden und zu fühlen wird intensiviert.
Was kann man selbst tun?
Einerseits können Sie natürlich durch die Lektüre von guten
Fachbüchern Ihr Verständnis für diese komplexen Zusammenhänge vertiefen
(Buchempfehlungen finden Sie unten am Ende des Artikels). In manchen davon sind
auch gute Übungen zur Selbstwahrnehmung aufgeführt.
Beispiele:
- Wenn Sie im Bett auf der Seite liegen, kann es sein, dass Sie mit dem Kopf auf dem gewölbten Kissen liegen. Sie müssen also Ihren Nacken ständig angespannt halten, damit der Kopf nicht nach hinten wegrutscht. Formen Sie Ihr Kopfkissen anders oder legen Sie noch ein Kissen drunter, aber hinten, so dass die Wölbung Ihres Hinterkopfes schön gehalten wird. Genießen Sie diese Empfindung ganz bewusst: Mein Kopf wird gehalten, ich kann mich ganz entspannen.
- Wenn Sie auf dem Bauch liegen, müssen Sie Ihre Füße entweder an der Matratze entlang strecken oder sie seitlich abknicken. Beides verursacht unangenehme Spannungen. Rutschen Sie soweit hinunter, dass Ihre Füße am Matratzenrand herunter hängen können (natürlich können Sie vorher Ihre Decke darum wickeln) und genießen Sie ganz bewusst, wie Sie nun im Bein- und Fußbereich wirklich entspannt liegen können.
- Sitzen Sie viel im Schneidersitz oder legen ein Bein angewinkelt hoch? Legen Sie sich doch mal Kissen unter die Knie, bis Sie in der gewünschten Haltung sind, aber ohne sich selbst dafür anstrengen zu müssen!
- Das gleiche gilt für die Arme und Ellbogen: Entlasten Sie Schultern und Nacken, indem Sie immer die Bereiche, die sich sonst anspannen müssten, mit Kissen oder gefalteten Decken abstützen. Auch Rücken, Nacken und Hinterkopf können Sie so ganz bewusst halten und tragen lassen.
Experimentieren Sie damit und finden Sie immer noch eine
Möglichkeit, sich richtig bequem und entspannt
einzurichten, auch wenn es nur für wenige Augenblicke ist.
Aber das ist ein anderes Kapitel und ein anderer Artikel.
Hier erfahren Sie mehr
Grundlagenjahr Praktische Psychologie,
das am 14. Juni 2008 wieder im IN HOPE, München
startet.Buchempfehlungen
- Körper und Gefühl in der Psychotherapie - Basisübungen (Leben Lernen 120) von Gudrun Görlitz
- Mit Leib und Seele - Wege der Körperpsychotherapie von Dagmar Hoffmann-Axthelm von Schwabe
- Dein Körper sagt dir, wer du werden kannst. Focusing - Wege der inneren Achtsamkeit von Klaus Renn von Herder
Weitere Informationen:
http://www.psycho-holistik.de/grundlagenjahr.html
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