HeilWorte

HeilWorte

Wenn Märchen von anderen Wirklichkeiten erzählen

Viele schamanische und naturverbundene Traditionen unserer Kultur sind heute nicht mehr unmittelbar sichtbar. Durch Christianisierung, Verbote und Verfolgungen gingen Überlieferungen verloren oder mussten andere Formen finden, um weitergegeben zu werden. Vielleicht begegnet uns manches davon noch dort, wo wir es auf den ersten Blick gar nicht vermuten: in Märchen, Bildern, Gleichnissen und alten Geschichten.

Märchen waren nie nur Geschichten für Kinder. Sie tragen Bilder in sich, die weit älter sind als ihre schriftliche Überlieferung. Was nicht offen ausgesprochen werden konnte oder durfte, konnte in Bildern weitererzählt werden. Ein besonders schönes Beispiel ist für mich das Märchen von Frau Holle.

Der Weg durch den Brunnen

Eine Witwe hat zwei Töchter. Die eine ist fleißig und wird bevorzugt, die andere muss die Arbeit verrichten und wird schlecht behandelt.

Eines Tages sitzt das Mädchen am Brunnen und spinnt. Die Spule fällt ins Wasser. Auf Befehl der Stiefmutter muss sie hinabsteigen, um sie zurückzuholen. In ihrer Verzweiflung springt sie in den Brunnen und verliert das Bewusstsein.

Als sie wieder zu sich kommt, ist sie nicht mehr in ihrer vertrauten Welt. Sie liegt auf einer Wiese, umgeben von Blumen. Sie begegnet einem Backofen, dessen Brote zu ihr sprechen. Später trifft sie auf einen Apfelbaum, der sie bittet, seine Äpfel zu schütteln. Schließlich gelangt sie zu Frau Holle.

Für mich ist das eine schamanische Reise. Der Brunnen ist der Übergang. Das Mädchen verlässt die bekannte Welt und gelangt in eine andere Wirklichkeit. Dort begegnet sie Wesen, die sprechen, Aufgaben stellen und ihr etwas abverlangen. Sie muss handeln, wahrnehmen und sich bewähren. Erst danach kehrt sie zurück. Sie ist nicht mehr dieselbe wie zuvor.

Frau Holle

Frau Holle selbst gehört zu den alten Gestalten unserer Überlieferung. Ihr Name und ihre Erscheinungsformen sind mit verschiedenen Vorstellungen von Natur, Tod, Winter, Fruchtbarkeit und der Welt der Verstorbenen verbunden. Für mich lässt sich Frau Holle auch mit Hel in Beziehung setzen – mit jener Gestalt der nordischen Überlieferung, die über das Reich der Toten wacht.

Es geht dabei nicht darum, beide Gestalten einfach gleichzusetzen. Mich interessiert vielmehr die gemeinsame Bildsprache: die Schwelle zwischen den Welten, das Hinübergehen und die Begegnung mit einer Wirklichkeit, die im alltäglichen Leben verborgen bleibt. Das Mädchen geht hinab und kehrt verwandelt zurück.

Genau dieses Motiv finden wir in vielen alten Überlieferungen: Der Mensch verlässt seine vertraute Welt, begegnet dem Unbekannten und kehrt mit einer Erfahrung, einem Wissen oder einer neuen Ordnung zurück.

Die Sprache der Bilder

  • Vielleicht mussten solche Erfahrungen nicht immer erklärt werden.
  • Vielleicht mussten sie nur erzählt werden.
  • Ein Brunnen kann dann mehr sein als ein Brunnen. Er kann zum Eingang werden.

Ein sprechender Backofen ist nicht einfach ein sprechender Backofen. Er kann von einer Wirklichkeit erzählen, in der die Grenzen zwischen Mensch, Tier, Pflanze und Dingen durchlässiger sind.

Und Frau Holle ist nicht nur eine Figur in einem Märchen. Sie kann zur Hüterin einer Schwelle werden. So betrachtet erzählen Märchen nicht nur Geschichten. Sie bewahren eine Sprache der Bilder. Eine Sprache, die wir heute vielleicht erst wieder lernen müssen.

Die Kraft der Worte

Auch Worte selbst können eine solche Brücke sein. Ein Wort ist mehr als eine Information. Es kann etwas in uns berühren, eine Erinnerung wachrufen, Mut geben oder eine neue Sichtweise eröffnen. Seit Jahrtausenden werden Worte in Gebeten, Gesängen, Beschwörungen, Segensworten und Ritualen bewusst eingesetzt.

Auch in der schamanischen Arbeit haben Worte eine besondere Bedeutung. Manchmal entstehen während einer Reise oder eines Rituals Worte, die für einen Menschen ganz persönlich sind. Sie können etwas benennen, das bisher keine Sprache hatte.

Ich nenne solche Worte Heilworte. Ein Heilwort kann stärken. Es kann erinnern. Es kann eine innere Ordnung berühren oder einen Menschen an etwas zurückführen, das längst in ihm vorhanden ist.

Menschen sind unterschiedlich. Deshalb braucht auch nicht jeder Mensch dieselben Worte. Was den einen berührt, lässt den anderen vielleicht vollkommen unberührt. Ein Wort kann den Willen stärken, Wissen vermitteln, Mut machen und eine Entscheidung begleiten. Es kann eine Verbindung herstellen zwischen dem, was wir bewusst wissen, und dem, was tiefer in uns wirkt.

Was geblieben ist

Vielleicht ist vieles von dem, was unsere Vorfahren über die unsichtbare Wirklichkeit wussten, tatsächlich verloren gegangen. Vielleicht ist aber auch mehr geblieben, als wir denken.

  • In unseren Märchen.
  • In alten Liedern.
  • In Bräuchen.
  • In Worten.
  • In Bildern.

Und manchmal in einem Gefühl, das uns beim Lesen einer alten Geschichte überkommt und uns sagt: Das kenne ich. Vielleicht beginnt Erinnerung genau dort. Nicht als Beweis. Sondern als Wahrnehmung.

Verfasser und Verantwortlich für den Inhalt:
Angelika Schacht, VÖLVA, ALTE HEILWEISEN - NORDISCHER SCHAMANISMUS, 25712 Burg (Dithmarschen)
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