Schamanismus – Schein oder Sein?
Schamanismus – Schein oder Sein?
09.10.2013
Schamanismus übt auf viele Menschen eine faszinierende Anziehung aus. Für andere erscheint er nicht mehr zeitgemäß, löst Ängste aus oder wird als esoterische Spinnerei abgetan. Dabei hat schamanisches Denken und Handeln eine sehr alte Geschichte.Doch was ist Schamanismus eigentlich? Und was kann er uns heute bedeuten?
Hier kommen wir zum Wesentlichen: zur Frage nach unserer Wirklichkeit.
Wirklichkeit – was bedeutet dieser Begriff eigentlich?
Wir wissen, dass eine Eiche im Frühjahr die ersten Knospen bildet, im Sommer Blätter trägt und im Herbst Eicheln hervorbringt. Im Winter scheint der Baum zu ruhen, bevor im nächsten Frühjahr der Kreislauf von Neuem beginnt.
Dieses Wissen haben wir durch Erfahrung erworben und in unserem Bewusstsein verankert.
Doch was würde ein Mensch denken, der niemals zuvor die Vegetation Europas gesehen hätte? Was würde er wohl annehmen, wenn er eine Eiche im Dezember betrachtet? Vielleicht würde er glauben, der Baum sei tot.
Unsere Wahrnehmung hängt also nicht nur davon ab, was unsere Sinne aufnehmen. Sie wird auch durch Erfahrungen, Erinnerungen, Erwartungen und unsere Vorstellung von der Welt geprägt.
Wir nehmen Wirklichkeit nicht einfach auf. Wir erleben sie immer auch durch den Filter dessen, was wir bereits kennen.
Genau hier beginnt für mich eine interessante Verbindung zum Schamanismus.
Eine andere Art, Wirklichkeit wahrzunehmen
Schamanische Traditionen gehen davon aus, dass die Wirklichkeit größer ist als das, was wir im gewöhnlichen Alltag unmittelbar wahrnehmen.
Durch Trommeln, Gesang, Bewegung, Rituale oder andere Formen der Konzentration kann sich die Wahrnehmung verändern. In der schamanischen Praxis wird dieser veränderte Bewusstseinszustand genutzt, um eine schamanische Reise zu unternehmen und andere Ebenen der Wahrnehmung zu erfahren.
Dabei geht es nicht darum, die alltägliche Wirklichkeit zu verleugnen. Vielmehr kommt eine weitere Erfahrungsebene hinzu.
Rhythmisches Trommeln kann dabei die Gehirnaktivität verändern. Untersuchungen zeigen unter anderem Veränderungen in verschiedenen Frequenzbereichen des EEG, auch eine verstärkte Delta-Aktivität wurde beobachtet. Das bedeutet nicht, dass sich das Gehirn einfach „abschaltet“. Vielmehr verändert sich seine Aktivität und damit auch die Art, wie Wahrnehmung erlebt werden kann.
Für mich ist dabei weniger entscheidend, ob wir jede Erfahrung wissenschaftlich erklären können. Entscheidend ist, was ein Mensch erlebt und wie er mit dieser Erfahrung umgeht.
Schamanismus heute
Der Begriff „Schamanismus“ wird heute für sehr unterschiedliche Formen von Praxis verwendet. Es gibt überlieferte indigene Traditionen, aber auch moderne Formen, die Elemente verschiedener Traditionen miteinander verbinden.
Der westlich orientierte Schamanismus wurde unter anderem durch Michael Harner geprägt. Die von ihm entwickelte Core-Schamanismus-Tradition hat sich seit den 1980er Jahren auch in Europa verbreitet. Sie ist jedoch nicht mit den jeweils gewachsenen schamanischen Traditionen indigener Kulturen gleichzusetzen.
Für mich bedeutet Schamanismus deshalb nicht, eine fremde Kultur nachzuahmen. Es bedeutet, sich mit alten Formen der Wahrnehmung, mit Natur, Ritual, Stimme, Rhythmus und der Beziehung zur unsichtbaren Wirklichkeit auseinanderzusetzen.
Schamanismus ist für mich keine Religion und auch kein fertiges Weltbild, das man übernehmen muss.
Er ist eine Erfahrungsweise.
Was bedeutet das für den Menschen?
Unser Alltag lässt wenig Raum dafür, Wahrnehmung zu hinterfragen. Wir funktionieren, entscheiden, planen und reagieren. Vieles geschieht dabei aus Gewohnheit. Schamanische Arbeit kann einen anderen Raum öffnen.
Eine Trommelreise, ein Ritual, die Arbeit mit Symbolen oder eine Begegnung mit den eigenen Ahnen können Erfahrungen ermöglichen, die im gewöhnlichen Alltag kaum zugänglich sind. Dabei müssen diese Erfahrungen nicht als objektive Tatsachen verstanden werden. Sie können auch als Bilder, Empfindungen oder innere Begegnungen betrachtet werden.
- Wichtig ist, was sie im Menschen bewegen.
- Was wird sichtbar?
- Was möchte verstanden werden?
- Welche Verbindung wird spürbar?
- Welche Frage stellt sich neu?
Tradition ist keine Erstarrung
Für mich bedeutet Tradition nicht, etwas unverändert zu wiederholen. Tradition bleibt lebendig, wenn sie sich im Leben bewährt.
Deshalb arbeite ich nicht mit Ritualen, sondern durch Rituale. Ich arbeite nicht mit Gesang, sondern durch die Stimme. Ich nutze alte Formen nicht, um in eine vergangene Welt zurückzukehren, sondern um Räume für Wahrnehmung und Erfahrung zu öffnen.
Schamanische Praxis ist für mich eine Beziehung: zu den eigenen Wurzeln, zur Natur, zu den Ahnen, zum Wyrd und zu dem, was sich unserer alltäglichen Wahrnehmung entzieht. Vielleicht liegt genau darin ihre Bedeutung für die Gegenwart. Nicht darin, eine andere Wirklichkeit gegen unsere alltägliche Wirklichkeit auszuspielen.
Sondern darin, unsere Vorstellung davon zu erweitern, was Wirklichkeit sein kann.
Was erscheint, webt Zukunft.
Was geschieht, war längst gewoben.
Verfasser und Verantwortlich für den Inhalt:
Angelika Schacht, VÖLVA,
ALTE HEILWEISEN - NORDISCHER SCHAMANISMUS, 25712 Burg (Dithmarschen)
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