Focusing und Meditation

Focusing und Meditation

Viele kontemplative Praktiken mit „östlichen“ Wurzeln wie Kampfkunst, Yoga, Blumensteckkunst und Teezeremonie sind im Westen zu einer willkommenen Ergänzung buddhistischer Praxis geworden. Nun wird von einer wachsenden Zahl buddhistischer Praktizierender eine Praxis namens Focusing, welche ihre Wurzeln in der „westlichen“ Philosophie hat, in ihre Praxis integriert. Viele empfinden Focusing als ein wertvolles Instrument, um ihre Meditationspraxis zu vertiefen und eine Brücke vom Meditationskissen zu den Herausforderungen eines Lebens in unserer zeitgenössischen Gesellschaft zu bauen.

 

Was ist Focusing?

Es ist eine Praxis, eine sanfte und interessierte Aufmerksamkeit zu unserer körperlich gefühlten Erfahrung zu bringen. „Körperlich gefühlt“ bezieht sich hier auf die nonverbale Textur oder den Affekt, der vor oder unter unseren konzeptuellen Formationen liegt. Sie kann als ein vages Körpergefühl erfahren werden das doch mehr als rein physisch ist – es ist die Art und Weise wie unser Körper die gegenwärtige Situation in diesem Moment hält.

 

Dieses Körpergefühl oder „felt sense“, wie es meist genannt wird, ist nicht das gleiche wie unsere Emotionen zu fühlen. Der felt sense liegt unter Emotionen wie Wut, Eifersucht oder Begierde; er ist subtiler und schwerer zu benennen. Der felt sense ist frei von den Storylines, welche die Emotionen begleiten: „Ich bin wütend, weil das und das geschehen ist“ usw. Der felt sense ist vager und physischer. Wenn wir in Kontakt mit unserem felt sense sind, sagen wir vielleicht Sachen wie „da ist dieser Bereich unter meinem Brustbein, der sich eng anfühlt und unter Spannung als würde er bald platzen…“

Wenn wir den felt sense bemerken, hat er meist noch keine bestimmte Richtung, worum es sich dreht („aboutness“). Er ist nichtkonzeptuell. Wenn wir jedoch den Focusingprozess verwenden, um mit diesem felt sense zu sein und auf ihn hören, kann er in einen klareren Fokus kommen (daher Focusing). Wir öffnen uns für ihn und lassen ihn sich für uns öffnen und das kann uns ein neues Verständnis für unsere Situation geben. An diesem Punkt – den wir nicht mit Anstrengung herbeiführen oder erzwingen können – ist es möglich, dass wir beginnen, Konzepte an ihm auszuprobieren. Wir können mit ihm in einen Dialog treten und dabei untersuchen, „worum“ er sich drehen mag. Aber es ist immer der felt sense zuerst da, nicht die Konzeptualisierung und die Praxis des Focusing heißt, immer wieder die Konzepte loszulassen und zur gelebten Körpererfahrung zurückzukommen.

So hat Focusing zwei wesentliche Aspekte mit buddhistischer Meditation gemeinsam: das normale diskursive Geschwätz unseres Geistes gehen zu lassen um aufmerksam darin zu sein, was gerade in unserer Erfahrung los ist und ein raumhaftes Gewahrsein, das es erlaubt, dass tiefere Bedeutungen aufsteigen können. In buddhistischer Terminologie hat Focusing sowohl Shamatha als auch Vipashyana Aspekte, dient also sowohl dem Zähmen des Geistes als auch der Einsicht.

 

Wie macht man Focusing?

Mit Übung kann man Focusing beinahe jederzeit und überall machen – im Aufzug, vor einem wichtigen Meeting, während des Meetings, beim Gehen, im Auto usw. Doch um Focusing zu lernen und zu vertiefen ist es sinnvoll, sich eine ruhige Zeit freizuhalten, genauso wie bei der Meditation.

Typischerweise werden Focuser eine bequeme Sitzhaltung einnehmen und sich ein paar Minuten nehmen, um in den Körper zu kommen. Da kann zum Beispiel ein rascher Bodyscan helfen, uns zu entspannen und empfindsamer für das Körpergefühl zu werden. Dann werden sie „nach unten rutschen“ und sanft auf den Torso fokussieren, den gesamten Bereich zwischen Hals und Gesäß. So kommen sie „aus dem Kopf“ und in Kontakt mit den verschiedenen Körperregionen – Herz, Lunge, Rückgrat, Magen, Darm – wo wir auf viszeraler Ebene resonieren. Dort verweilen sie und warten mit sanfter und aufmerksamer Geduld, die mir den felt senses schwingt, welche gegenwärtig da sind oder sich zu formen beginnen.

Wenn sich ein felt sense zeigt, so bleiben sie bei ihm, sanft und freundlich wie du zum Beispiel zu einem kleinen Kind sein könntest, das etwas mitteilen möchte und noch nicht weiß, wie es sich ausdrücken soll. Nach einer Zeit dieses einfachen Ruhens mit sanfter Aufmerksamkeit auf dem körperlich gefühlten felt sense könnten Focuser versuchen, ein Wort oder einen kurzen Satz zu finden, der „dazu passt“. Diese werden „Hebel“ genannt. Dies ist keinesfalls ein Versuch, den felt sense in irgendeiner Weise zu erklären, zu analysieren usw., es beschreibt nur in einem visuellen, metaphorischen oder gefühlten Ausdruck, wie es sich gerade anfühlt: „sprunghaft“, „klebrig“, „wie ein fester Ball“, „ein schwammiger Platz mit warmen Rändern“. Meistens hat er einen spezifischen Ort – in der Brust, im Bauch, mehr links oder mehr rechts – und der Focuser könnte diesen Ort mit der Hand zeigen. Manchmal trifft eine Geste den felt sense viel besser als ein Wort. Dann ist diese Geste der Hebel.

Der Schlüssel ist, dass der felt sense immer zuerst da ist. Jeder verbale Hebel der auftaucht wird stets an dem felt sense geprüft, ob er wirklich passt. Der Focuser bewegt sich zwischen felt sense und Hebel hin und her. Diesen Prozess nennen wir resonieren und dabei passen wir den Hebel an oder ersetzen ihn, bis er bestmöglich passt. Wir wissen, dass wir den richtigen Hebel gefunden haben, wenn sich in der Erfahrung des felt sense selbst etwas verschiebt. Es fühlt sich meist an wie ein kleines Leichterwerden, eine Öffnung, ein Klicken, das Gefühl, tatsächlich erkannt zu werden – so als würden wir uns in einer Masse fremder Menschen verirren und hören plötzlich eine bekannte Stimme, die unseren Namen freundlich ruft.

 

Dieser Prozess der Resonanz erlaubt es dem felt sense klarer hervorzutreten, in den Fokus zu kommen. Dann kann ein weiterer Schritt folgen, den wir „fragen“ nennen. Hier erlauben wir dem felt sense, uns mehr zu sagen. Das Kennzeichen des felt sense ist gemäß Eugene Gendlin, dem Begründer des Focusing, dass er „zurück spricht“. Einige Fragen wird er nicht mögen und nicht auf sie antworten, auf andere schon. Die Focusing-Fragen lassen sich endlos variieren, doch es gibt Klassiker wie: „Was ist das schlimmste an dem ganzen Problem?“ „Was will die Situation jetzt?“ „Was steht der Lösung im Weg?“ „Was muss ich loslassen, um dahin zu kommen?“

 

Die Magie des Focusing zeigt sich, wenn wir eine Frage stellen und keine Antwort finden wollen – wir ruhen in der Frage und lassen die Gedanken kommen und gehen. Wir warten. Wir waren so, als würden wir mit einem Menschen sprechen und diese Person würde sich mit der Antwort Zeit lassen. Erst in sich gehen und dann aus der Tiefe heraus antworten. Wir warten, mit geduldiger, fürsorglicher und interessierter Aufmerksamkeit, und achten darauf, ob wir aus dem Körper eine Antwort erhalten. Vielleicht kommt keine – keine Antwort zu erhalten ist sogar eher ein Zeichen dafür, dass du tatsächlich Focusing machst und dich nicht in diskursivem Denken verlierst. Manchmal antwortet der felt sense nicht auf eine Frage, doch wenn wir sie leicht verändern, tut er es plötzlich. Es gibt dabei eine spielerische, kreative und erkundende Qualität in diesem Frageprozess bei dem wir nicht vorher wissen, was wir zu hören bekommen. Nur aus diesem Nicht-Wissen können neue, „unerhörte“ Dinge aufsteigen.

Ein Schlüssel für diese Übungen liegt in einer gewissen „Focusing-Haltung“, eine Kapazität für tapfere und sanfte Selbst-Fürsorge, die wir in uns kultivieren können. In Focusingkreisen wird dies auch „fürsorglich-fühlende-Präsenz“ oder „Selbstempathie“ genannt, eng verwandt mit der buddhistischen Tugend von Maitri – liebende Güte oder bedingungslose Freundlichkeit für uns selbst und andere. Es ist ein machtvoller, ergreifender und zuweilen fast magischer Weg, wie wir mit uns selbst Freundschaft schließen können.

 

Ein Beispiel

In diesem Moment mache ich eine während des Schreibens eine Pause und nehme mir einen Moment, um zu fokussieren. Ich fühle etwas in der Art:

…ich spüre in mich. Ich entdecke eine Enge unter dem Brustbein. Ich erkenne freundlich an, ruhe darin und lasse es so gut ich kann einfach da sein. Dann frage ich: worum dreht sich die Enge? Ich warte… Oh! Das ist es. Ich sorge mich, dass dieser kurze Artikel gut angenommen wird und mache mir Druck, da ich die Leser überzeugen möchte, dass Focusing gut ist und ich ein kompetenter Therapeut… Jetzt sehe ich, dass ich mich anstrenge, alle möglichen Widersprüche auszuräumen, die Menschen beim Lesen vielleicht kommen. Das es zu sehr oder zu wenig „spirituell“ ist, was auch immer das bedeuten mag, dass es das Haften am Ich bestärkt, dass es esoterisch ist, dass es keine Therapie, sondern Selbsthilfenonsens ist, dass es… Tatsächlich brauche ich die spezifischen Einwände gar nicht zu benennen. Ich habe einfach diesen felt sense, den ich nenne „wie Menschen darauf reagieren werden“. Ich nehme mir einen Moment, um damit zu sein. Alle möglichen Selbstbilder und Storylines zeigen sich. Ich bin auch mit diesen. Lasse sie sich kristallisieren – als felt sense, nicht als Konzepte – fühle empathisch in den Körperbereich, in dem ich alles darüber halte, wie die Menschen vielleicht reagieren.

Nun kann ich fragen: was brauchst du, damit es dir besser geht? Wieder sitze ich und warte und lausche nach innen. Aha. Ich kann das einfach schreiben und brauche weder die Technik noch mich selbst beweisen. Ich beschreibe einfach eine Methode, die für mich sehr hilfreich ist und möchte sie anderen anbieten. Wer es liest wird herausbekommen – durch den eigenen felt sense, ob es für sie Sinn macht und ob sie es weiter verfolgen wollen. Viele werden es nicht tun. Andere werden es tun. Und das ist genau so, wie es sein soll…

Ich fühle noch einmal hin. Die Enge unter dem Brustbein ist weicher geworden. Es löst sich in eine frische und warme Energie und ich habe Freude, weiterzuschreiben.

 

Focusing Partnerschaften

Auch wenn es eine wundervolle Einzelübung ist, die praktisch überall und in jeder Situation durchfürbar ist, ist Focusing in einem regelmäßigen Austausch mit einem Menschen am effektivsten. Am schönsten ist es, wenn wir uns von Angesicht zu Angesicht gegenüber sitzen, doch es geht auch gut mittels Telefon oder Skype usw. Das ist etwas anders als in physischer Präsenz, funktioniert aber erstaunlich gut. Es gibt immer noch diese Qualität, tief in die eigene Erfahrung zu gehen und dabei von einer intimen und fürsorglichen menschlichen Präsenz gehalten zu werden.

In Focusing Sitzungen übernimmt jeder Partner mal die Rolle des Focusierers und des Hörers oder Zeugen, wie ich es am liebsten nenne. Wenn du fokussierst, fühlst du in dich und wenn du bereit bist, sagst du, was du bemerkst. Es ist wie eine innere Kontemplation, die du verbalisierst, keine normale Konversation. Es muss nicht kohärent oder logisch sein und du musst dich nicht darum kümmern, ob die andere Person dich versteht. Elliptische Sätze, einzelne Bemerkungen und abrupte Richtungswechsel sind ganz normal. Der Zeuge schenkt dabei eine freundliche und offene Aufmerksamkeit und versucht einfach, den Partner in seinem Prozess zu begleiten, wo auch immer er hingehen mag.

Focusierer verbringen wie Meditierer gerne ganze Wochenenden oder Wochen in intensiven Programmen mit Anleitern und intensivem Austausch. Viele haben mehr als einen Focusingpartner, welche vielleicht verschieden Aspekte ihres Lebens adressieren – Beziehung, Arbeit, Kreativität usw.

 

Die Kunst des Zuhörens

Das Focusing Training im Zuhören gehört zu den tiefsten, sensibelsten und effektivsten, die ich kennen lernen durfte. Auf den wegbereitenden amerikanischen Psychologen Carl Rogers zurückgehend, dessen Schüler Eugene Gendlin an der University of Chicago war, verwendet es die „bedingungslose positive Zuwendung“ (unconditional positive regard), eine urteilsfreie, nicht interpretierende und sehr empathische Form von Aufmerksamkeit im therapeutischen Kontakt. Wir lernen darüber hinaus, vollkommen für den anderen da zu sein, ohne uns selbst dabei zu verlieren. Während wir zuhören haben wir natürlich alle möglichen Reaktionen – Gefühle, Urteile, Erinnerungen, „hilfreiche“ Ideen usw. – doch wir bringen uns immer wieder sanft zurück zu dem Focusierer. Wir fühlen uns ein, ob der Focusierer in diesem Moment in Kontakt mit seinem felt sense ist – meist stockt dann der Fluss der Erzählung und es entsteht Schweigen oder unvollständige Sätze, Ähs und Ems, eine unsichere, tastende Qualität.

Hier hat der Zuhörer eine radikale Möglichkeit. Anstatt die Sätze des anderen für ihn zu vollenden, Vorschläge zu machen, wie er das Problem lösen könnte oder eigene Erfahrungen zu beschreiben, reflektiert der Zuhörer einfach Schlüsselwörter oder Phrasen, welche der Focusierer zuvor verwendet hat. Der Effekt ist wie ein Spiegel oder ein Echo – wenn der Focusierer seine eigenen Worte hört, kann er sie auf Basis seines nonverbalen felt sense prüfen. Wenn sie gut passen, erfährt er ein Gefühl des Bekanntseins und kann weitergehen. Oft passen die Worte nicht ganz genau, der felt sense resoniert nicht (mehr). Statt nun den Gewohnheitsmustern zu folgen und eher mit den Worten als der gefühlten Erfahrung zu gehen, kann der Focusierer frisch aus seiner aktuellen Erfahrung sprechen. Manchmal ist es nur eine minimale Anpassung, manchmal passiert etwas vollkommen Unerwartetes und scheinbar Unlogisches.

Mit der Zeit manifestieren sich die neuen Fähigkeiten im Zuhören spontan in alltäglichen Gesprächen und führen zu einem natürlichen und ungezwungenen tieferen Zuhören. Feststeckende Interaktionsmuster lösen sich und ein erfrischende Energie und Einsicht bereichern unsere Gespräche.

 

Focusing und Meditation

Focusing kann eine wundervolle Ergänzung zu (buddhistischer) Meditation sein. Robert Aitken Roshi, der Dekan der amerikanischen Zen-Meister, empfiehlt seinen Schüler Focusing als eine Vorbereitung zur Meditation. In einem Gespräch mit Eugene Gendlin sagte er kürzlich: „Ich freue mich, dass sich so viele Meditierende für Focusing interessieren. Ich empfehle diese Praxis von Zeit zu Zeit in persönlichen Gesprächen mit Schülern und diese berichten von sehr wertvollen Erfahrungen damit. Ich behandle es als eine Vorbereitung für die Einsichtsübungen im Zazen, wo ein stiller Herz-Geist sehr wichtig ist.“

Focusing beginnen wir häufig mit einem Schritt, den wir den „Raum klären“ nennen. Diesen kann man genauso am Anfang einer Meditationseinheit machen.

Wir nehmen uns einen Moment Zeit, um allem Aufmerksamkeit zu schenken, das wir gerade im Körper halten – eine Sorge, ein Bedürfnis, eine ungeklärte Situation usw. Wir schenken jedem dieser Themen einen Moment der Anerkennung – ohne „hinein zu gehen“ – und geben ihm ein wenig Raum. So kann es sich im Körper etwas entspannen, so dass es nicht dem im Weg ist, womit du in diesem Moment sein willst, sei es eine bestimmte Situation, Herausforderung oder auf was auch immer du fokussieren willst oder in der Meditation die Technik, mit der du gerade arbeiten willst. Den Raum zu klären ist wie die Fürsorge für ein bedürftiges Kind – einfach ein kurzer Moment vollständiger und fürsorglicher Aufmerksamkeit reicht häufig aus, dass es sich angenommen fühlt und sich entspannen kann. Wichtig ist, dass du damit keine Themen unterdrückst – oft hast du mit diesem ersten Schritt schon dein Material für die Focusing- oder Meditationssitzung gefunden – doch wird ihre Dringlichkeit ein wenig beschwichtigt und die können sich ein bisschen setzen.

Weiterhin ergänzt Focusing die Übung der Meditation, indem es uns eine kontemplative Brücke bietet, unsere Übungen und unser Leben zu verbinden. Die meisten von uns leben nicht als Mönche und haben Familie und Beruf. Meditation gibt uns mehr Raum in den Herausforderungen des Lebens, häufig jedoch keine direkte Einsicht, wie wir mit ihnen arbeiten können. Solche Einsichten tauchen natürlich häufig spontan auf, doch will Meditation im Grunde nicht unsere Probleme lösen – vielmehr will sie den „Besitzer“ der Probleme auflösen.

Focusing zeigt uns, wie wir Situationen, „Probleme“, Entscheidungen und Herausforderungen bewusst in unser kontemplatives Gewahrsein einladen können und ihm geduldige, fürsorgliche und interessierte Aufmerksamkeit schenken können. Meditation schafft uns eine Kapazität in freier Aufmerksamkeit, Focusing gibt uns eine Möglichkeit, diese Aufmerksamkeit auszurichten und zu lenken. Dann besteht die Möglichkeit, dass die Situation beginnt, sich zu entfalten und zu öffnen – wir öffnen uns für die Situation und erlauben der Situation, sich für uns zu öffnen. So entdecken wir ein frisches, neues Verständnis und es kann sich etwas in der Art verschieben, wie wir die Situation halten. Dies führt häufig zu pragmatischen Einsichten und Handlungsschritten, die wir verwenden können, um festgefahrene Situationen und Gefühle wieder in Fluss zu bringen.

In Focusing geht es sehr viel darum, wie wir unser Leben, Beziehungen, Umgebung, Herausforderungen, Beruf usw. anpacken. So ist es ein mächtiges Gegenmittel gegen „spirituelle Bypässe“, welche John Welwood in seinem Buch „Toward a Psychology of Awakening“ als einen Weg beschreibt „spirituelle Ideen und Übungen zu verwenden, um persönliche und emotionale ‚unerledigte Angelegenheiten’ zu vermeiden, um an diesem wackeligen Gefühl von ‚Ich’ festzuhalten, unsere grundlegenden Bedürfnisse, Gefühle und Entwicklungsaufgaben zu umgehen und wegzurationalisieren, alles im Namen einer hypothetischen Erleuchtung.“

Drittens, und vielleicht von größtem Interesse ist, dass Focusing einen tiefen Einfluss auf die Qualität unserer Meditationsübung haben kann. Ich spreche hier der Einfachheit halber nur von Shamatha-Vispashyana, also der Achtsamkeits-Gewahrseinsmeditation, doch Focusing hat auch meinen Zugang zu allen anderen Meditationstechniken, besonders der Kontemplation revolutioniert.

Auch wenn die verschiedenen Schulen des Buddhismus eine breite Palette an Techniken und Zugängen für die Meditation präsentieren, wurzeln doch die meisten in den Satipatthana Suttas (den „Grundlagen der Achtsamkeit“) und dem Anapanasati Sutta (Der Atemachtsamkeit). Hier wird hauptsächlich mit der „bloßen Aufmerksamkeit“, dem einfachen mitkriegen von dem, was auftaucht, gesprochen. Dabei können in der Praxis eine Reihe von Problemen auftauchen.

Ein wesentliches besteht darin, dass vieles, das im Gewahrsein auftaucht, wie die Spitze eines Eisberges ist und uns nur einen Ausschnitt des Ganzen zeigt. Wenn unsere Übung der bloßen Aufmerksamkeit, so wertvoll sie ist, zu strikt oder zu locker ist, können wir damit enden, stets von Eisbergspitze zu Eisbergspitze zu springen und nie weiter in die Tiefe zu gehen und zu erfahren, was unter dem Gedanken, der Emotion oder dem körperlichen Zwicken liegt, das wir bewusst mitbekommen.

In den Anfangsstadien des Zähmens unseres Geistes liegt der Schwerpunkt auf diesem bloßen Bemerken, da wir erst lernen, nicht mit den Gedanken, Emotionen und Empfindungen mitzugehen und von ihnen herumgeschubst zu werden. Aber da ist auch eine Qualität von Ignoranz – als würden wir Menschen nur ganz kurz anblicken, aber niemals ihre ganze Präsenz erfahren, sie niemals wirklich kennen zu lernen. Hier eröffnet uns Focusing einen mittleren Weg, wie wir das Ganze erfühlen können, ohne der Neigung zu folgen, uns darin zu verlieren, es zu analysieren und diskursiv zu werden. Es ist, als würden wir einen Moment nehmen, eine Person voll und ganz wahrzunehmen, wenn wir ihr begegnen – diesen Menschen, hier und jetzt – aber uns nicht in eine Diskussion mit ihr verwickeln lassen.

Chögyam Trungpa Rinpoche sprach über Achtsamkeitsmeditation häufig als einem Prozess von „berühren und loslassen“ („touch and go“). „Berühren“ heißt hier, die gegenwärtige Erfahrung wirklich anzuerkennen, wirklich wertzuschätzen, die Textur wirklich zu erfühlen und nicht schnell darüber hinweg zu gehen. Es ist wie der Unterschied, jemanden sanft zu drücken oder oberflächlich auf die Schulter zu klopfen. Dieses Berühren, Anerkennen und Wertschätzen ist der Samen für die Entwicklung authentischer Einsicht – eine Art, in der Erfahrung vollkommen präsent zu sein und zu erlauben, dass frische Bedeutungen auftauchen können. Weil wir als Westler eine noch größere Neigung haben, uns von der direkten und körperlichen Erfahrung abzuspalten als die Menschen in traditionelleren Kulturen, kann die Übung des Focusing uns einen Weg bahnen, das zu berühren, was tatsächlich und authentisch in unserem Herz-Geist gegenwärtig ist und es nicht diskursiv zu zerdenken. Wie Ani Pema Chödrön sagt: „es gibt eine geheime Zutat – direkte, nonverbale Erfahrung“.

 

Focusing und westliche Philosophie

Ein paar Worte über die grundlegende Sichtweise, von der Focusing ausgeht, mögen hier nützlich sein. Philosophisch beruft Focusing sich auf die Phänomenologie, eine westliche philosophische Bewegung des zwanzigsten Jahrhunderts, begründet von Husserl. Die Phänomenologie betont das Primat von direkter und unmittelbarer Erfahrung über abstrakte metaphysische Behauptungen. Nehmen wir ein Beipiel: Statt wie Descartes zu sagen „ich denke, also bin ich“, möchte die Phänomenologie wissen, wie die direkte Erfahrung von Denken ist, frei von allen Ideen und Annahmen, die wir darüber haben. „Was erfahren wir, wenn wir einfach das Phänomen selbst erfahren?“ Die Parallele zum buddhistischen Ansatz ist augenscheinlich.

Die Praxis des Focusing wurde von Eugene Gendlin, PhD., einem jetzt emeritierten Professor der Universität von Chicago entickelt. Gendlin hat die westliche intellektuelle Tradition über Modernismus und Postmodernismus hinaus in einer radikal non-dualistischen Weise in die prozessorientierte „Philosophie des Impliziten“ entwickelt.

Gendlin beginnt mit einer Prämisse von „Interaktion zuerst“. Grob gesagt heißt es, dass der Prozess des Lebens allen scheinbaren Entitäten und Objekten vorausgeht. Ein Tier, auch ein menschliches Tier, ist eine fortlaufende Interaktion mit seiner Umgebung. Wir kommen nicht aus dem Nichts und fangen dann an, mit unserer Umgebung zu interagieren, wir sind vielmehr ein Prozess, der sich zusammen mit seiner Umgebung (implizit, auch „komplizit“ (kein Schreibfehler)) entfaltet. Dies stimmt sowohl aus der Perspektive von Evolution als auch für jedes Individuum. Gendlin sagt dabei, dass eine Person kein Ding ist, nicht einmal ein Organismus, sondern ein „Sich-Fortsetzen“.

Dieses Sich-Fortsetzen oder „vorwärts leben“ drückt sich in funktionalen Zyklen wie essen-verdauen-abführen-wieder essen aus. Aber solch ein Zyklus kann blockieren. Wir sind vielleicht in einer Essphase, aber es gibt nichts zu essen. Dann zeigt sich der blockierte Prozess in einer körperlichen Erfahrung, die wir „Hunger“ nennen und ein Objekt, das wir „Nahrung“ nennen können, impliziert. Doch sind Hunger und Nahrung wie alle Konzepte eine Abstraktion einer unmittelbaren Erfahrung. Diese Abstraktionen werden den feinen Texturen der tatsächlichen gelebten Erfahrung niemals gerecht, die sie zu beschreiben vorgeben. Unter der Generalisierung, die wir „Hunger“ nennen, liegt ein komplexes körperliches Wissen zugrunde, das genau in dieser Situation, in der ich jetzt bin auftaucht und nur von dieser spezifischen gelebten Komplizität her kann ich wissen, welche Handlungen ich ausführen muss, um meinen Hunger in der gegenwärtigen Situation zu befriedigen.

Gehe ich zum Küchenschrank? In ein Restaurant? Probiere ich etwas, das ich noch nie gegessen habe? Vielleicht geht es gar nicht um Essen; vielleicht kann ich meinen Hunger besser stillen, wenn ich mich mit einem Freund treffe und im Wald spazieren gehe.

Als Menschen impliziert unsere gesamte Erfahrung stets weiteres Wachstum, weitere Entfaltung. Bis sie sich tatsächlich manifestiert, können wir nichts über die Form ihres weiteren Wachstums sagen, sie ist implizit (Daher „Philosophie des Impliziten“) (Vergleiche auch emergente Systeme in der Systemtheorie)

Wenn es geschieht, ist es eine unendlich feine Antwort auf gegenwärtige Umstände und wird stets neu und frisch sein, weil noch nie etwas genau so geschehen ist. Wenn ich zum Beispiel einen Menschen zu ersten Mal treffe, wird meine Erfahrung vielen anderen ähnlich sein, aber doch vollständig neu und frisch: Ich habe noch nie eine Person auf genau diese Weise erfahren.

Focusing hat nicht den Anspruch, ein „vollständiger Pfad“ zu sein. Im Gegenteil bietet es sich selbst als ein Werkzeug unter vielen an, um Wachstum und Transformation zu ermöglichen. Es kann sicherlich die primäre kontemplative Praxis eines Menschen sein, Focusing liebt es jedoch auch, sich mit anderen Übungen und Methodologien zu verbinden und in so verschiedene Felder wie Ausbildung und Schule, Gesundheitswesen, Business, Kunst, Psychologie und natürlich die spirituelle Praxis eindringen. Mir scheint es, dass wir in dem Diskurs über die Verbindung von spiritueller Praxis und dem Alltagsleben und der Frage nach einer authentischen Praxis in der postmodernen Welt gerade erst am Anfang des Anfangs stehen. Die Praxis des Focusing kann unsere Bemühungen erhellen und energetisieren, meditative Disziplin mit angemessenem Handeln zu verbinden.

Weitere Informationen:
http://www.gikk-psychotherapie.de

Verfasser und Verantwortlich für den Inhalt:
Florian Jacobs, Heilpraktiker (Psychotherapie), GIKK-Psychotherapie (HPG), 90489 Nürnberg
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Florian Jacobs Heilpraktiker Psychotherapie  GIKK-Psychotherapie HPG 90489 Nürnberg Florian Jacobs, Heilpraktiker (Psychotherapie),
GIKK-Psychotherapie (HPG), 90489 Nürnberg
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