Kleine Einführung in die Systemische Familentherapie

Kleine Einführung in die Systemische Familentherapie

Kleine Einführung in die Systemische Familientherapie

Eva Orinsky

9°° Uhr: Frau A. kommt zur Therapie: Ihre Tochter ist 9 Jahre alt und macht nachts immer noch das Bett nass.

10°° Uhr: Herr B. sitzt mit einer schweren Depression vor mir und gesteht, dass er manchmal an Selbstmord denkt.

11°° Uhr: Herr und Frau C. kommen, weil ihre Ehe in die Brüche zu gehen droht, Herr C. hat ein Verhältnis ...

12°° Uhr: Frau D., eine Studentin, klagt darüber, dass sie seit zwei Jahren vergeblich versucht, ihre Examensarbeit zu schreiben, aber total blockiert ist ...

Ein ganz normaler Vormittag. Wie gehe ich als Systemische Familientherapeutin an die Probleme meiner Klienten heran? Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass bei diesen Beispielen gar keine vollständige Familie dabei war. In der Tat ist es eher selten, dass eine komplette Familie in die Praxis kommt, zum einen sind einige der Klienten nicht bereit, die Familie mit heranzuziehen, andererseits wollen oft nicht alle Familienmitglieder zur Therapie erscheinen. Aber Familientherapie ist grundsätzlich auch ohne Familie möglich. Wie bei einem Mobile beeinflusst das Verhalten des einen immer auch das Verhalten der Nichtanwesenden anderen.

Als Familientherapeutin nehme ich eine relativ aktive Rolle ein, stelle eine Reihe von Fragen, bei denen ich auch Nichtanwesende mit einbeziehe, und gebe zum Schluss meist eine Art Hausaufgabe. Aber der Hauptunterschied zu anderen Therapieformen besteht vor allem in der anderen Form der Sichtweise: In der Familientherapie wird der Mensch (Klient, Patient) nicht nur als Individuum betrachtet, wie zu Freuds Zeiten, sondern als Teil des ?Systems Familie?, in das er eingebunden ist, und in dem er bestimmte Funktionen übernimmt. Seine Probleme werden gesehen als Reaktionen auf Spannungen oder Krisen in der Familie und der gestörten Kommunikation. Deshalb ist es entscheidend, dass nicht nur der auffällige ?Symptomträger? behandelt wird, sondern dass man der familiären Beziehungsdynamik auf die Spur kommt.

Wie kommt es nun zu krankhaften Symptomen? Das selbstregulierende ?System Familie? versucht, im Gleichgewicht zu sein, muss sich aber dabei ständig an eine sich wandelnde Umwelt anpassen. In manchen Situationen sind jedoch Krisen vorhersehbar (Heirat, Geburt, Pubertät, Tod ...), die besondere Anpassungsleistungen und Neuorientierungen verlangen. Falls diese Anpassungen unterbleiben, entsteht ein krankhaftes Verhalten. Der Klient mit seinem Symptom ist aber nur ein Teil des erkrankten Systems, und ich verstehe sein Symptom nicht nur als Einschränkung, sondern ebenso als Lösungsversuch einer problematischen Situation, als Signal, dass hier in der Familie etwas nicht mehr im Lot ist.

Der Symptomträger (oft das Sorgenkind oder das schwarze Schaf der Familie) tut also in erster Linie etwas für die Familie. Nachdem dies erst einmal entsprechend gewürdigt ist, können wir daran gehen zu schauen, wie die Lösung des Problems auf andere Art und Weise bewerkstelligt werden kann, ohne dass die Arbeit nur an einem Familienmitglied hängen bleibt. Ganz oft übernehmen Kinder diese Ausgleichsarbeit. Ihre Hauptfunktion besteht meist darin, die Familie zusammen zu halten, auf welche Weise auch immer. Sie machen es unbewusst aus Liebe zu den Eltern, und außerdem hängt ja schließlich ihre Existenz davon ab. Wenn ein Kind zum Symptomträger in der Familie wird (z.B. durch Magersucht, Bettnässen, Problemen in der Schule, etc.), bringt es dadurch die Eltern, die vielleicht gerade in einer Beziehungskrise stecken, in der gemeinsamen Sorge um das Kind automatisch wieder näher zusammen. Das Symptom, das ein Kind hervorbringt, weist die Eltern also immer auf ihre Beziehung. Die Kinder bringen das Unbewusste der Eltern und deren Beziehung zum Ausdruck. (Dies ist wohlgemerkt der systemische Aspekt des Problems, dessen sich die Familientherapie annimmt. Dann gibt es natürlich noch den medizinischen, den sozialen, usw.)

Wenn die Eltern nun beginnen, sich mit ihrer Beziehung auseinander zu setzen und diese zu klären, was gleichbedeutend ist mit Verantwortung dafür zu übernehmen, brauchen dies nicht mehr die Kinder tun. Als Familientherapeut ziele ich also nicht auf die Veränderung der Persönlichkeit des Symptomträgers, sondern auf die Veränderung der Interaktionsmuster innerhalb der Familie. Gelingt dies, dann wird das Symptom nicht mehr gebraucht (zur Aufrechterhaltung des pathologischen Gleichgewichts) und verschwindet wie von selbst. Um sich aus den zahlreichen Beziehungsverstrickungen zu befreien, kann es für den Erwachsenen manchmal dennoch notwendig werden, in die eigene Ursprungsfamilie zu schauen. Probleme mit dem Partner weisen häufig zurück zu ungelösten Mutter- bzw. Vaterkonflikten. Solange man nicht wirklich von Vater und Mutter gelöst ist, wird man den Partner immer wieder mit einem der beiden ?verwechseln?, wird ihm Signale aussenden, die eigentlich zu Vater oder Mutter gehören, und ganz erstaunt sein, wenn er plötzlich wie einer von den beiden reagiert! Damit dies nicht mehr passiert, sollte man sich als Erwachsener von der Aufgabe lösen, die man als Kind unbewusst für die eigenen Eltern zu bewältigen versuchte.

So eine Aufgabe könnte z.B. sein: ?Ich muss für den Papa die bessere Frau sein, Mama schafft es ja nicht, ihn glücklich zu machen.? Wenn eine Frau im Alter von 50 Jahren immer noch mit dieser Aufgabe beschäftigt ist, braucht sie sich nicht wundern, wenn es mit ihrer eigenen Beziehung nicht zum besten steht. Als Kind hat sie es aus Liebe gemacht - dieses Gleichgewicht in der Familie herzustellen - als Erwachsene muss sie die Aufgabe zurück geben, um frei für ihr eigenes Leben zu werden. Ansonsten werden ihre Kinder (wieder aus Liebe) die Verantwortung für sie übernehmen, und so muss sich alles wiederholen ... Über Generationen hinweg können die Kommunikationsmuster und Glaubenssätze unserer Herkunftsfamilie so die Art und Weise bestimmen, wie wir uns auf das Leben einlassen können. In der Familie finden wir den Ursprung unserer Leiden, aber auch die Lösungswege und die Kraft zu Veränderung. Wie kann man nun diesen Verstrickungen, die unser Leben unbewusst so stark beeinflussen und prägen, auf die Spur kommen und sie auflösen? Eine erstaunlich wirksame Methode der Systemischen Familientherapie ist das Stellen einer sogenannten ?Familienskulptur?.

Mit dieser systemischen Arbeit ist es möglich, Probleme und deren Wiederholungen aus einem erweiterten Blickwinkel zu sehen.

Ich möchte an einem Beispiel diese Arbeit demonstrieren:

Ein junger Mann, 25 Jahre alt - ich möchte ihn hier Roland nennen - kommt in die Therapie. Er musste vor zwei Monaten wegen einer Psychose vier Wochen stationär in der Psychiatrie behandelt werden. Auch jetzt muss er noch Tabletten einnehmen. Im Gruppenseminar wählt Roland aus den Teilnehmern der Gruppe Stellvertreter für seinen Vater, seine Mutter, seine beiden Schwestern und für sich aus und stellt sie in der Mitte des Raumes auf, d.h. er sucht für jeden spontan einen passenden Platz aus, drückt dabei durch den Abstand der Personen und durch ihre Blickrichtung aus, wie sie innerlich untereinander in Beziehung stehen. In dem Moment, wo alle Personen auf ihrem Platz stehen, entsteht auf erstaunlich eindrucksvolle Weise die Atmosphäre dieser Familie deutlich für alle spürbar.

Roland kann nun jeden einzelnen fragen, wie es ihm geht. Zu seinem Erstaunen antworten die aufgestellten Personen im Originalton von Vater, Mutter und Geschwistern. Roland stellt seine Eltern einander gegenüber, aber weit voneinander entfernt auf. Jede seiner Schwestern ist jeweils einem Elternteil näher, sich selbst stellt er genau zwischen Vater und Mutter. Da wird seine Rolle in der Familie klar: Er ist das Bindeglied zwischen den sich streitenden Eltern. Aber er ist überfordert. (Sein Stellvertreter klagt über Kopfschmerzen.) Ich lege ein Seil um Vater, Mutter und Rolands Stellvertreter und fordere diesen auf, jetzt mal ?in die Psychose? zu gehen. Er geht los, und Roland kann jetzt sehen, was er damit systemisch für seine Eltern tut: Er bringt sie wieder zusammen.

Die weitere Arbeit wäre nun, dass Roland sich entschlösse, den Eltern die Aufgabe, für ihre Beziehung zu sorgen, zurück zu geben, z.B. durch eine symbolische Interaktion während so einer Aufstellung. Solche Bilder wirken im Unbewussten tief und lang anhaltend nach. Was immer sie damit machen, es ginge ihn nichts mehr an. Mit seiner Einmischung stellt er sich im Grunde über die Eltern, will ihnen sagen wie?s geht.

Da ist die Ordnung gestört, und er übernimmt sich. Wenn er es schafft, wirklich ?Sohn? zu sein, und seine Eltern zu nehmen wie sie sind, wird die Energie frei, die er braucht, um die Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen. Dies alles braucht Zeit. Auch wenn ein Klient seine Familie einmal ?aufgestellt? hat, wird sich sein Leben nicht gleich um 180° wandeln, er hat damit aber einen ersten Schritt getan. Als Familientherapeutin biete ich ihm an, ihn auf dem Weg dorthin zu begleiten, helfen kann er sich letztlich nur selbst.

Die Systemische Familientherapie ist noch relativ jung. Sie wurde in den fünfziger Jahren in Amerika entwickelt. Gregory Bateson, Fritz Perls, Virginia Satir und Milton H. Erickson waren Vorreiter. In Deutschland wird seit ungefähr 30 Jahren systemisch gearbeitet. Wegbereiter waren Paul Watzlawick, Helm Stierlin, Peter Müller-Egloff und der meines Erachtens nicht ganz zu Unrecht umstrittene Bert Hellinger ? um nur ein paar Namen zu nennen. Trotzdem wird dieser erfolgreichen Therapieform immer noch die Anerkennung, sprich die kassenärztliche Zulassung vorenthalten. (Wie alles im Leben hat dies aber auch eine gute Seite: Wer seine Therapie selbst bezahlt, übernimmt mehr Verantwortung für seine Problembewältigung und kommt nicht mit der heute verbreiteten Konsumhaltung zum Therapeuten.)

Erfahrungsgemäß stellt sich der Erfolg ziemlich schnell ein, nicht erst nach 100 bis 200 Stunden, mit denen man z.B. bei einer Psychoanalyse durchaus rechnen muss, und die die Kasse horrende Summen kostet, sondern manchmal schon nach zehn Sitzungen. Dies nicht zuletzt, weil ein Familientherapeut seinen Fokus hauptsächlich auf die Ressourcen seines Klienten und nicht auf seine Probleme legt, weniger auf die Vergangenheit als auf Gegenwart und Zukunft schaut, weniger auf die exakte Analyse bedacht ist als viel mehr auf die Lösung der Probleme.

Interessante Literatur zum Thema:

  • S. Rosen: Die Lehrgeschichten von Milton H. Erickson
  • Peggy Papp: Die Veränderung des Familiensystems T
  • homas Weiss: Familientherapie ohne Familie
  • Hans Jellouschek: Warum hast du mir das angetan?
  • Gunthard Weber: Zweierlei Glück
  • Th. Dethlefsen: Krankheit als Weg
  • Paul Watzlawick: Anleitung zum Unglücklichsein

Eva Orinsky ist im ev. Diakonieverein Markt Schwaben als Beraterin tätig, arbeitet außerdem als System. Familientherapeutin in eigener Praxis in Markt Schwaben, gibt Seminare zum Familienstellen und ist Lehrtherapeutin in der GST (Gesellschaft für System. Therapie) in München.

Weitere Informationen unter Tel.: 08121-437580 bzw. www.familientherapie-orinsky.de.vu

Verfasser und Verantwortlich für den Inhalt:
Eva Orinsky, Systemische Familientherapeutin (HPG), Systemische Einzel-/Familientherapie, 85570 Markt Schwaben
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Eva Orinsky Systemische Familientherapeutin HPG  Systemische Einzel-Familientherapie 85570 Markt Schwaben Eva Orinsky, Systemische Familientherapeutin (HPG),
Systemische Einzel-/Familientherapie, 85570 Markt Schwaben
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