Autoimmunerkrankungen
24.10.2008
Ein Artikel von Markus Breitenberger
Die Anzahl der Menschen, die an Autoimmunerkrankungen leiden, nimmt deutlich zu.
60 verschiedene Erkrankungen werden derzeit zu diesem Formenkreis gezählt. Damit stellen sie zahlenmäßigsie die häufigsten chronischen Erkrankungen in der westlichen Welt. Zum großen Teil handelt es sich dabei um Krankheiten, die der Medizin schon lange bekannt sind. Neu ist jedoch bei vielen die Erkenntnis, dass autoimmune Prozesse die Krankheit verursachen und aufrechterhalten.
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Autoimmunerkrankungen sind so bedrohlich, weil sie oft schon bei jungen Menschen ausbrechen, die Sterblichkeit bei einigen noch immer sehr hoch ist und sie nicht selten ein schweres Leiden mit Arbeitsausfällen, Behinderung und dem Zusammenbruch des gewohnten sozialen Umfelds bedeuten. Dazu gelten sie in der Schulmedizin als unheilbar und haben oft einen lebenslangen, unvorhersehbaren Verlauf. Man beobachtet Varianten von phasenweisen Teil- bzw. Vollremissionen (d.h. wenig oder keine Symptome), bis hin zu schnell fortschreitenden, unaufhaltsam destruktiven Prozessen. Meist wird die Diagnose einer Autoimmunerkrankungen als Zufallsbefund erst nach jahrelanger Erkrankung gestellt, da die Symptomatologie oft vielschichtig und unspezifisch ist.
Betroffene Organe (Auswahl)
Autoimmunreaktionen können jedes Organ betreffen, von der Haarwurzelzelle (Alopezia areata) bis zum Herz (autoimmune Kardiamyopathie).
- Multiple Sklerose (Zentrales Nervensystem)
- Morbus Hashimoto (Schilddrüse)
- Morbus Basedow (Schilddrüse)
- Sprue/Zöliakie (Verdauungstrakt)
- Morbus Crohn (Verdauungstrakt)
- Colitis ulcerosa (Verdauungstrakt)
- Vitligo (Haut)
- Psoriasis (Haut)
- Urticaria (Haut)
- Mucocutane Candidiasis (Haut)
- Lupus erythematodes (Haut)
- Bullöses Pemphigoid (Haut)
- Rheumatoide Arthritis (Gelenke)
- Morbus Bechterew (Gelenke)
- Perniziöse Anämie (Blut)
- Arteriossklerose (Blutgefässe)
- Chronisch autoimmune Gastritis (Magen)
- Juveniler Diabetes mellitus (Bauchspeicheldrüse)
- Chronisches Erschöpfungssyndrom (vermutlich Hormonsystem)
Auch wenn in allen Teilbereichen der Medizin Autoimmureaktionen auftreten können, sind es doch ähnliche, teilweise identische, molekulare und pathophysiologische Grundlagen, die als krankheitsverursachend gelten.
Begleiterkrankungen
Als Begleiterkrankungen treten folgende Beschwerden gehäuft auf:
Fibromyalgie
Nicht-entzündliche Erkrankung mit diffusen Muskelschmerzen, Beginn meist ab dem 35. Lebensjahr
Lichen ruber planus
Knötchenflechte, lokale oder generalisierte entzündliche juckende Haut-Schleimhaut-Erkrankung
Raynaud-Syndrom
Gefäßerkrankung durch Gefäßkrämpfe, anfallsartig an Fingern und Zehen
Autoimmunerkrankungen erscheinen so bedrohlich, weil sie oft schon bei jungen Menschen beginnen, die Sterblichkeit bei einigen noch immer sehr hoch ist und sie nicht selten ein schweres Leiden mit Arbeitsausfällen, Behinderung bzw. dem Zusammenbruch des gewohnten sozialen Umfelds bedeuten können. Dazu gelten sie in der Schulmedizin als unheilbar und haben oft einen lebenslangen, unvorhersehbaren Verlauf. Man beobachtet Varianten von phasenweisen Teil- bzw. Vollremissionen (d.h. wenig oder keine Symptome) bis hin zu schnell fortschreitenden, unaufhaltsam destruktiven Prozessen.
Die Diagnose wird nicht selten erst nach jahrelanger Erkrankung gestellt, da die Symptomatologie meist vielschichtig und unspezifisch ist und, weil Budgetierung (d.h. Reduzierung erstattungsfähiger Leistungen) und Zeitmangel in vielen Kassenarztpraxen zu Fehldiagnosen (56% aller Diagnosen) und damit fehlgerichteter medikamentöser Therapie führt. Auch ist die Kooperation zwischen Medizinern unterschiedlicher Fachrichtungen leider immer noch sehr schwierig. Viele sind von ihrer Therapiemethode so ausschließlich überzeugt, dass sie zu kollegialem Austausch und Simultanbehandlung wenig Bereitschaft zeigen. Den Preis dafür zahlen verunsicherte Patienten. Umfragen haben ergeben, dass z.B. mehr als 90% aller Patienten, die länger als drei Jahre an Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa leiden, unkonventionelle Methoden in ihr Therapiekonzept miteinbeziehen. Ihrem Hausarzt berichten davon aber nur 40%.
Die Schulmedizin setzt als Therapie gegen die gebildeten Autoantikörper, d.h. von uns selbst gegen uns selbst gerichtete Abwehrzellen, massive anti-entzündliche (v.a. hochdosierte Cortison-Impuls-Therapie) und immunsuppressive (unser eigenes Abwehrsystem unterdrückende) Medikamente mit z.T. gravierenden Nebenwirkungen ein. Im Fall der Multiplen Sklerose profitieren aber z.B. nur 30% von einer medikamentösen Immuntherapie.
Damit wird von außen der Kampf eröffnet gegen den Organismus, der innerlich gegen sich selbst kämpft („Krieg dem Krieg“ erschien mir schon bei Friedensdemonstrationen und in der Weltpolitik immer als äusserst contraproduktiv).
Manchmal, v.a. in sehr schweren und bedrohlichen Fällen, mag das beschriebene Vorgehen aber durchaus gerechtfertigt sein. Ohne Zweifel kann es ein großer Erfolg sein, wenn sich körperliche Krankheitssymptome, d.h. organische Manifestationen einer tieferliegenden Störung, nicht mehr zeigen.
Aber ist der Patient dann nur wieder der Alte (eben der, der ursprünglich mal erkrankte), oder ist in der Therapie dieser Erkrankungen noch mehr möglich, nämlich Heilung?
Versuchen wir in Bezug auf diese Frage das Wesen dieser autoaggressiven Erkrankungen zu verstehen, um therapeutische Massnahmen so zu wählen, dass sie heilenden Einfluss nehmen können, anstatt nur Auswirkungen abzumildern.
Naturwissenschaftliche Ursachenforschung
Die naturwissenschaftliche Forschung erfolgt vorwiegend auf Zellebene an Mäusen. Daraus ergeben sich viele neue spekulative Therapievorschläge. Ein hochkomplexes, evolutionär stark unter Druck stehendes menschliches Immunsystem weist jedoch erhebliche Unterschiede zu Mäusen auf.
Es sind ist für Autoimmunkrankheiten keine eindeutigen Ursachen bekannt. Seit Mitte der 1980-er Jahre hat sich die medizinische Forschung fast ausschließlich auf genetische Defekte als monokausales Ursachenmodell konzentriert. Heute setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass ein genetisches Merkmal allein nur sehr selten eine Krankheit ausbrechen lässt. Meist sind bestimmte Auslöser in einer labilen Lebenssituation der Krankheit vorausgegangen.
In der Pathogenese (Krankheitsentstehung) werden vierdrei (I-IV) verschiedene innere und äußere Auslöser diskutiert, die immer mehr oder weniger an der Entstehung beteiligt sind.
I. Störung der Immuntoleranz / Selbsttoleranz
Um das Jahr 1900 erkannte der Mikrobiologe Paul Ehrlich den Unterschied zwischen ‘selbst’ und ‘nicht selbst’. Im Organismus höher entwickelter Lebewesen muss es eine Barriere geben, damit das Abwehrsystem keine körpereigenen Gewebe angreift. Hauptakteure in diesem Geschehen sind B–Zellen (reifen im Knochenmark und sorgen für die humorale Abwehr) und T–Zellen (reifen im Thymus und sorgen für die zelluläre Abwehr). Der Mechanismen der Toleranzvermittlung ist nicht vollständig geklärt. Drei Hypothesen sind von besonderer Bedeutung:
1. T–Zellen differenzieren sich in T–Killerzellen, T–Regulatorzellen und T–Helferzellen. Letztere teilen sich in Th1 (entzündungsfördernde) und Th2 (entzündungshemmende) Botenstoffe. T–Regulatorzellen kümmern sich um deren Balance. Wenn diese Balance gestört ist, kommt es zu autoimmunen Reaktionen.
2. In der Thymusdrüse lernen die T–Zellen sogenannte Selbsterkennungsproteine zu identifizieren. Diese MHC–Proteine sind verantwortlich für die Oberflächenstruktur körpereigener Zellen, d.h. deren Ausweis. Nur 3% der T–Zellen schaffen diesen Test. Der Rest wird aussortiert. Können sich T–Zellen durch diese Prüfung ‘mogeln’, erkennen sie später körpereigenes Gewebe nicht und lösen autoimmune Entzündungsprozesse aus.
3. Auch bei manchen gesunden Menschen gibt es noch autoreaktive B–Zellen (Lymphozyten). Damit liegt der Schluss nahe, dass diese im Lauf der embryonalen Entwicklung nicht zerstört, sondern nur aktiv gehemmt werden.
Durch irgendwelche Ursachen (Stress, Umweltbelastung, Infekte, genetischer Defekt...) werden diese autoreaktiven Zellen übermäßig aktiviert.
II. Fehlprogrammierung durch molekulare Mimikry
Verschiedene bakterielle und virale Infekte können offensichtlich eine Autoimmunkrankheit auslösen. Der Erreger hat in diesem Fall große Ähnlichkeit mit der Struktur körpereigenen Gewebes. Dies dient dem Erreger als Tarnung, um ungehindert in den menschlichen Organismus eindringen und sich vermehren zu können. Bekannt sind die Fälle von rheumatischem Fieber nach Streptokokkeninfekt oder das gehäufte Auftreten von juvenilem Diabetes mellitus nach einer Virusinfektion wie Masern. Auch werden häufig Autoimmunkrankheiten nach Mononukleose beobachtet.
Immer deutlicher wird auch, dass Impfungen einzelne Autoimmunprozesse begünstigen bzw. aktivieren können. Besonders auffällig ist hierbei der Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Multipler Sklerose und einer Impfung gegen neurotrope Erreger (Polio, Masern, Tetanus, FSME).
III. Umweltfaktoren
1. Hygiene-Hypothese
Autoimmunkrankheiten sind – ebenso wie Allergien und Krebserkrankungen – in den westlichen Ländern stetig auf dem Vormarsch, während die Zahl der Neuerkrankungen in Ländern der sogenannten dritten Welt konstant niedrig bleibt. Durch den Rückgang natürlicher Infektionsquellen in Industrienationen kommt es vermutlich zu einer Unterförderung und Überforderung des Immunsystems. Im Tierversuch konnte bestätigt werden, dass Mäuse weniger Autoantikörper produzieren, wenn sie vorher Kontakt zu Bakterien-Bestandteilen hatten.
2. Schadstoffe
Im Folgenden eine kurze Auswahl von Fakten zu diesem Thema:
- bereits 300 verschiedene synthetische Stoffe können in der Muttermilch nachgewiesen werden
- Kinder haben lt. WWF mehr Chemikalien im Blut als ihre Mütter (durch Kontakt mit Gebrauchsgütern)
- lt. EU-Chemikalien-Richtlinie sind von über 100.000 genutzten Substanzen die wenigsten auf ihr Gefährlichkeitspotential getestet worden
- sieben Impfstoffe im dritten Lebensmonat; weitere fünf ab dem zwölften Lebensmonat
- die meisten Medikamente im Kindesalter werden im ersten Lebensjahr verschrieben
- Transfettsäuren entstehen durch industrielle Härtung von Fetten (Chips, Fastfood) und werden in Zusammenhang mit der Entstehung von Multipler Sklerose und Morbus Crohn gebracht
- Feinstaub aus Verbrennungmotoren
- Antibiotika in der Tiermast
IV. Vererbung bzw. Veranlagung Störung der Immuntoleranz
Autoreaktive Zellen, die sich auch bei gesunden Menschen finden lassen, werden übermässig aktiviert, so dass körpereigenes Gewebe zum Opfer der eigenen Immunantwort wird.
V. Fehlprogrammierung durch molekulare Mimikry
Verschiedene bakterielle und virale Infekte, aber auch Impfungen können offensichtlich ein Autoimmungeschehen auslösen.
Wir kennen z.B. die bekannten Fälle von rheumatischem Fieber nach Streptokokkeninfekt oder das gehäufte Auftreten von juvenilem Diabetes mellitus nach Virusinfektion.
In den vergangenen Jahren wird immer deutlicher, dass auch Impfungen einzelne Autoimmunkrankheiten begünstigen bzw aktivieren. Besonders auffällig ist hierbei der Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Multipler Sklerose und einer Impfung gegen neurotrope Erreger (Polio, Masern, Tetanus, FSME) in den Jahren vor Krankheitsausbruch.
Autoimmunkrankheiten werden nicht direkt vererbt, so dass man von einer Veranlagung ausgeht, die durch einen exogenen oder endogenen Reiz aktiviert werden kann. Zahlreiche Laborparameter sind bekannt, um die mögliche Veranlagung zu verifizieren oder auszuschließen.
Genetisch bedeutet also nicht zwingend unumgänglich. Immer ist ein äußerer oder innerer Auslöser beteiligt, da die in den Genen vorgegebene Bauanleitung für ein bestimmtes Eiweiß noch lange nicht garantiert, dass dieses auch entsteht. Es hängt immer davon ab, auch bei genetischen Krankheiten, in welcher Verfassung der Mensch ist; d.h. welche Vorbedingung er bietet, damit eine bestimmte Erkrankung ausbrechen kann oder nicht. Diese Vorbedingungen lassen sich gerade durch homöopathische Behandlung gut beeinflussen.
Gemeinsam haben alle Autoimmunkrankheiten, dass das Immunsystem schwerwiegend irritiert scheint, ähnlich wie es auch bei Allergien und Krebserkrankungen der Fall ist. Dies kann man bei aufmerksamer Anamnese gehäuft nach physischen und v.a. psychischen Traumata oder lang anhaltenden emotional schwierigen Lebenssituationen in der Vorgeschichte der betroffenen Patienten feststellen. Solche Erkenntnisse lassen das Bild einer charakteristischen prämorbiden Persönlichkeitsstruktur, die die Krankheit ermöglicht hat und weiter krankheitsbegünstigend wirkt, immer deutlicher werden.
In der Schulmedizin kümmert man sich wenig um solche Untersuchungen. Dies hat v.a. zwei Gründe: man ist zum einen vollauf beschäftigt, die oft sehr bedrohlichen Krankheitssymptome in den Griff zu bekommen. Zum anderen gibt es keine Medikamente, die auf vergangene Lebenserfahrungen Einfluss nehmen können. Dazu scheint Psychosomatik vielen Medizinern immer noch ein zu dubioses Feld. Auch wenn einige der autoimmunen Erkrankungen zu den wenigen offiziell als psychosomatisch anerkannten Krankheiten zählen, zögern manche Mediziner immer noch, eine Überweisung zum Psychotherapeuten auszustellen. Studien zeigten, dass manche Patienten über 100 ärztliche Kontakte hinter sich hatten, ehe sie erstmals an eine psychosomatische Klinik oder an einen Psychotherapeuten weitergeleitet wurden. Die Medizin ist heute immer noch weitgehend ein System, das in vielen Bereichen dem Kausalitätsprinzip des kartesianischen Weltbilds folgt und einer Krankheit jeweils eine bestimmte Ursache zuzuordnen trachtet. Einige Untersuchungen besagen, dass die Krankheiten, die mit dem engen mechanistischen Konzept der Schulmedizin erfasst und verstanden werden können, nur etwa 5% ausmachen. Zum Glück herrscht bei immer mehr Medizinern zunehmend ein Konsens darüber, dass bei Autoimmunerkrankungen ein multikausales Geschehen vorliegt, wenngleich über die Gewichtung auslösender physischer und psychischer Krankheitsfaktoren noch viel Uneinigkeit herrscht.
Ursachenforschung geisteswissenschaftlich erweitert
Welche Faktoren, die nicht in Zentimetern, Gramm und Sekunden, den Parametern der Naturwissenschaft, gemessen werden können, sind also noch an diesem autoimmunen Krankheitsgeschehen beteiligt?
Das Abwehrsystem des Menschen, auch Immunsystem genannt, schützt ihn vor äußeren Einflüssen, wie Viren, Bakterien und anderen Fremdstoffen. Es ist ein komplexes System zur Erhaltung der Individualstruktur durch Abwehr körperfremder Substanzen und kontinuierlicher Elimination anormaler Körperzellen. Diese Schutzfunktion ist für den menschlichen Organismus außerordentlich wichtig. Im Fall von Autoimmunkrankheiten kann das Abwehrsystem körpereigenes Gewebe nicht mehr erkennen, es erscheint ihm fremd, ja sogar feindlich. Eine falsche Zielvorgabe oder Programmierung führt zu einer folgenschweren Verwechslung: anstelle der Bekämpfung von Krankheitserregern werden Teile des eigenen Körpers als ‘fremd’ angesehen und bekämpft. Was hier auf körperlicher Ebene nicht erkannt wird, steht manchmal für einen unterdrückten, entfremdeten Teil des eigenen Wesens, der dem Bewusstsein nicht mehr zugänglich ist (s. Arno Gruen: der Fremde in uns). Eine ausführliche Anamnese (griech.: Wieder–Erinnern) zu Beginn der Behandlung, die den ganzen Menschen und nicht nur ein erkranktes Organ untersucht, kann daher schon der erste wichtige heilsame Schritt sein. Wenn man Betroffenen in der Praxis aufmerksam zuhört, kann man in vielen Fällen Sätze wie diese hören: „ich bin mir in den letzten Jahren irgendwie selbst fremd geworden“ / „ich habe mich selbst dabei verloren“ / „ich kenne mich gar nicht mehr wieder“ etc.. Diese Aussagen können wichtige Hinweise geben, was als Auslöser am Anfang einer Irritation des Immunsystems stand, die irgendwann zur Krankheit wurde. Gehäuft lassen sich physische oder psychische Traumata oder lang anhaltende, emotional schwierige Lebenssituationen, in der Vorgeschichte der betroffenen Patienten feststellen. Solche Beobachtungen lassen das Bild einer charakteristischen prämorbiden Persönlichkeitsstruktur deutlicher werden.
Der kranke Mensch, der sich selbst fremd geworden ist, ist gefangen in seinen Identifikationen (lat. idem facere = ‘ich mache mich zu dem selben’, d.h. zum Bild von mir, oder ‘ich mache immer das selbe’). Er identifiziert sich mit in der Kindheit erworbenen Selbstbildern, mit Vorgängern im Familiensystem oder mit Tugenden, die unverdaut, fremd und damit schädlich bleiben, anstatt integriert oder ausgeschieden zu werden. Je mehr er mit seinem Selbstbild identifiziert ist, desto mehr ist er bei Verstand und weitgehend von Sinnen. Das heißt das Sinnesleben ist taub geworden und der Mensch nimmt zuwenig von dem was nährt und nützt, und zuviel von dem was schadet. Dies ist, vereinfacht gesprochen, der Hauptgrund für Kranksein.
In der Schulmedizin ignoriert und negiert man weitgehend diese Erkenntnisse. Dies hat drei Gründe: Zum Ersten wird häufig die ‘Verantwortung für’ mit der ‘Schuld an’ der Erkrankung verwechselt. Zum Zweiten sind die meisten Ärzte vollständig damit beschäftigt, die oft sehr bedrohlichen physischen Krankheitssymptome in den Griff zu bekommen. Die Berücksichtigung möglicher psychosomatischer Zusammenhänge erfordert – meist nicht vorhandene – Behandlungszeit und entsprechende Ausbildung und Erfahrung. Zum Dritten gibt es keine Medikamente, die auf vergangene Lebenssituationen Einfluss nehmen könnten. Die medikamentöse Therapie ist aber meist das einzige was kranken Menschen von Ärzten angeboten werden kann. Zum Glück herrscht bei immer mehr Medizinern zunehmend ein Konsens darüber, dass bei Autoimmunerkrankungen ein multikausales Geschehen vorliegt, wenngleich über die Gewichtung auslösender physischer und psychischer Krankheitsfaktoren noch viel Uneinigkeit herrscht.
Therapie schulmedizinisch
Die Schulmedizin setzt als Therapie gegen die gebildeten Autoantikörper, d.h. vom Organismus gegen sich selbst gerichtete Abwehrzellen, massive anti-entzündliche (v.a. hochdosierte Cortison-Impuls-Therapie) und immunsuppressive (unser eigenes Abwehrsystem unterdrückende) Medikamente mit teilweise gravierenden Nebenwirkungen ein. Manchmal, besonders in sehr schweren und bedrohlichen Fällen, mag dieses Vorgehen durchaus gerechtfertigt sein. Ohne Zweifel kann es ein großer Erfolg sein, wenn sich körperliche Krankheitssymptome, d.h. organische Manifestationen einer tieferliegenden Störung, nicht mehr zeigen.
- Cortison (in wechselnder Dosierung häufig über lange Zeit bzw. lebenslang)
- Aspirin-Abkömmlinge (Azulfidine)
- Immunsuppressiva (Chlorquin / Methothrexat)
- Zellgifte (Azathioprin / Cyclophosphamid) (immunsuppressiv)
Diese Medikamente haben größtenteils erhebliche Nebenwirkungen und führen im besten Fall zu einer Linderung der Symptome. Oft können sie aber nicht mal lindern. Beispielsweise bewirken bei einer Hashimoto-Thyreoiditis die verschriebenen Hormone häufig iatrogene (durch die Behandlung hervorgerufene) Beschwerden, bekannt als „Hyperthyreosis factitia“ und bei 20% der Behandlungen wird überhaupt keine Wirkung auf die typischen Symptome erreicht. In der immunsuppressiven Behandlung der Multiplen Sklerose profitieren nur 30% von der medikamentösen Therapie.
Integrative therapeutische Möglichkeiten
Erkentnisse der heutigen Medizin werden anerkannt und vor allem in der Diagnostik genutzt. Darüber hinaus sollte jedoch gerade in der Therapie ein mechanistisches Bild des Menschen ergänzt werden. Wichtig ist eine Perspektive, die den Menschen wieder als mehr, als die Summe seiner Teile erkennt und ihn in Wechselwirkung mit seiner Umwelt versteht.
Die entscheidende Frage am Anfang der Behandlung sollte sein: Wen oder was müssen wir behandeln? Das betroffene Organ, das sekundär durch ein irritiertes Immunsystem erkrankte? Das Immunsystem selbst – aber wie? Bisher unterdrücken wir es nur. Den gesamten Menschen – aber wie und woran erkennen wir, dass er geheilt, oder nur wieder der „Alte“ ist, d.h. der, der ursprünglich erkrankte? Wie können wir in der Therapie bei chronisch kranken Menschen z.B. auf belastende familiäre und berufliche Gesichtspunkte heilsam einwirken?
Mitte der 1970-er Jahre hat sich die wenig beachtete Fachrichtung ‘Psychoneuroimmunologie’ etabliert (ab Mitte der 1990-er Jahre ‘Neuro-Endokrino-Immunologie’ genannt). Die Wirkungen psychischer Stressoren (Stimmung, Wahrnehmung, Lebensumstände etc.) auf das Immunsystem und das gesamte Befinden des Menschen werden dabei untersucht. Das Nerven- und Immunsystem beeinflussen und steuern sich wechselseitig. Die Weichenstellungen für spätere Krankheiten werden gerade in der frühen Kindheit festgelegt. Die Fähigkeit ‘selbst’ von ‘fremd’ zu unterscheiden, erlernen die T–Zellen des Immunsystems lange vor der Geburt bis zur Pubertät in der Thymusdrüse. Affekte (automatisch mit Gefühlen verbundener Ausdruck) und Affektkontrolle, d.h. wie wir in der Welt sind mit Humor, Freude, Moral und Ethik, werden von der rechten Gehirn-Hemisphäre geprägt (in den ersten eineinhalb Jahren ausgebildet zu 80%). Emotional leben, lernen wir also bevor das Denken beginnt. Die linke Gehirn-Hemisphäre schafft zeitversetzt dazu Begrifflichkeit und Selbst-Bilder. Diese Selbst-Bilder sind es, die uns als Erwachsene einschränken und uns ein einfältiges statt vielfältiges und zufriedenes Leben bescheren.
Selbst-Erkenntnis und Selbst-Bewusstsein entwickeln sich also in der Kindheit. Ein gestörtes psychisches Selbstbewusstsein und ein Selbstbewusstsein auf der Ebene der Körperzellen (biochemisch durch MHC-Proteine repräsentiert) bedingen sich also gegenseitig. Diese Tatsache hat weitreichende Konsequenzen in Bezug auf erfolgsversprechene Therapiekonzepte. Ein Ziel der Therapie, neben der Behandlung physischer Dysregulation, sollte damit auch sein den Menschen, dessen Immunsystem eigene Organe angreift und zerstört, zu unterstützen sich selbst wieder zu erkennen und neu kennenzulernen. Herauszufinden, wer gemeint ist, wenn der oder die Betreffende „ICH“ sagt. Selbstbilder und überholte Lebensgewohnheiten müssen dabei häufig in Frage gestellt werden. Manchmal ertönt Un-Erhörtes wieder, das wofür die Sinne im Laufe der Sozialisierung taub geworden sind, und erinnert an die individuellen, eigen-artigen Wünsche, Bedürfnisse und Aufträge, die jeder ins Leben mitbringt und die nur von ihm oder ihr selbst verwirklicht werden können.
Krankheit ist in diesem Fall nicht nur Ausdruck und Resultat vergangener Ereignisse, sondern weist auch wie ein Gestaltungs-Auftrag in die Zukunft. Krankheit erweist sich dann oft als (Um-)Weg, um dringend Notwendiges im Leben zu verwirklichen. Fragen, die in diesem Zusammenhang therapeutisch wichtig werden – und häufig von Therapeuten und Patienten nicht gestellt werden – zielen darauf ab zu verstehen, was diese Unterbrechung im gewohnten Lebenslauf zu bedeuten hat. Was möchte noch von mir gelebt werden? Wofür bin ich auf dieser Welt? Welchen Sinn gebe ich meinem Leben – mit und ohne Kranksein? Was hat sich durch die Krankheit für mich positiv verändert? („mehr Zeit für mich...“ / „gesehen werden...“ / „aussteigen aus unbefriedigender Lebenssituation...“) und wie kann ich das verwirklichen ohne krank zu sein.
In der Therapie können ungewohntenbekannte sinnliche Erfahrungen zur Reifung kommen, um wieder entscheiden zu können, wie ich meine Aggression einsetzen kann. Aggression nicht als Feindseligkeit, sondern als Fähigkeit auf das zuzugehen was mir gut tut, davon wegzugehen was mir schadet, oder dagegen anzugehen was mich bedroht. Die Aggression, eine menschliche Eigenschaft, die den Menschen mit dem Tier verbindet und von Pflanze und Mineral unterscheidet, ist also die Fähigkeit zum Ortswechsel, die dem Erkrankten abhanden gekommen ist. Wenn der eigenen Kraft keine Richtung gegeben wird, wendet sie sich gegen einen selbst. Im Fall der Autoaggression ist der Mensch fixiert auf das `dagegen´, anstatt die Eigenverantwortung zu übernehmen, andere Menschen, Lebenssituationen, Lebensweisen und Orte aufzusuchen, die mehr seinen Bedürfnissen gerecht werden – oder zu verlassen, wenn sie ihm schaden. Die Orientierungslosigkeit, die sich in der Krankheit mikrokosmisch auf Zellebene widerspiegelt, hat ihre Entsprechung im makrokosmischen Bereich des gestörten Beziehungslebens, d.h. in der Beziehung zu sich selbst, zu den Mitmenschen, der umgebenden Natur und zu einer allumfassenden, größeren Ordnung, die wir als göttlich bezeichnen.
So ist Krankheit immer auch ein Aufruf der Natur wieder in die Ordnung zu kommen.Hier sind Therapeuten aller Fachrichtungen aufgefordert, neben der oft notwendigen Arzneitherapie, weitere Möglichkeiten zu schaffen, den kranken Menschen in der Anamnese und der folgenden Therapie heil werden zu lassen. Heilung bedeutet in diesem Sinne immer, sich an seine Ganzheit zu erinnern, an das was der Mensch im Prinzip (lat. ad principium: von Anfang an) vor seinen Identifikationen war und wollte und jetzt dringend zu einem befriedigenden und gesünderen Leben braucht.
Wir erleben in unserer heutigen (urbanen) Welt immer mehr das Phänomen, dass sich Menschen, die gegenseitig voneinander abhängig sind, gegeneinander wenden. Im Fall der Autoimmunerkrankungen stehen wir vor einer neuen Dimension dieser krankhaften Tendenz, nämlich, dass sich der einzelne aus unbewusster Hilf- und Orientierungslosigkeit gegen sich selbst wendet (in der Psychologie ist dieses Phänomen ebenfalls bekannt unter der Bezeichnung ‘Retroflektion’). Wenn wir diesen Umstand nicht berücksichtigen und in die Therapie miteinbeziehen, werden wir auf das Wesen der Autoimmunkrankheiten keinen Einfluss nehmen können und mit unseren selbstbeschränkten medizinischen Möglichkeiten an der Peripherie des Krankheitsgeschehens bleiben.
Das Gesagte soll auf keinen Fall den Anschein erwecken die sog. Schulmedizin hätte keinen berechtigten Platz in der Therapie der Autoimmunerkrankungen. Zugleich bin ich aber auch der Meinung, dass Simultanbehandlung (z.B. Allopathie + Homöopathie + Psychotherapie) und manchmal auch homöopathische Monotherapie für den Patienten mehr Nutzen bringen kann, als das in der Behandlung heute der Fall ist.
Aus diesem Grund setze ich mich für eine Therapie ein, die nicht nur körperliche Parameter als Heilungskriterien berücksichtigt.
Die klassische Homöopathie und verschiedene psychotherapeutische Verfahren haben sich in meiner Praxis bei Autoimmunerkrankungen gut bewährt, auch und gerade bei schweren Pathologien. Der Vorteil liegt nicht nur in der oft schnellen Linderung der beschwerlichen Akutsymptomatik, sondern es können in der erwähnten prämorbiden Persönlichkeitsstruktur der Patienten erstaunliche Wirkungen und Veränderungen beobachtet werden –- eben bei diesen Faktoren, die die Krankheit ursprünglich ausgelöst haben, heute aufrechterhalten und immer wieder zu neuen Ausbrüchen führen können.
Vor dem Hintergrund dieser Gesichtspunkte scheint es in der heutigen Medizin noch viel zu tun zu geben, um ungewöhnlichen Krankheiten angemessen zu begegnen.
Vor allem aber können wir alle noch viel lernen im achtsamen, freundlichen Umgang mit uns selbst, unseren Mitmenschen und unserer Umwelt – es lohnt sich.
evt. hilfreiche Internetadressen:
www.autoimmun.org www.hashimoto-selbsthilfe.de
Weitere Informationen:
http://www.praxis-breitenberger.de
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Kommentare zu Autoimmunerkrankungen
von: Jürgen Heines
07.12.2009 04:30 Uhr
Was ist der Unterschied zwischen Autoimmun- und Autoaggressions-Krankheite?




