Seelische Spaltungen und deren innere Heilung
19.05.2008
Ein Artikel von Alexander Brombach
Neue Wege in der Trauma-Arbeit mit Hilfe von AufstellungenWas haben wir nicht schon alles gemacht, um uns aus dem Gefühlschaos zu befreien, in
dem wir leben? Oder um seelische Belastungen und Krankheiten loszuwerden?
Wir versuchen es durch Handlungen in der Außenwelt, indem wir z.B. in eine andere
Stadt ziehen, die Arbeit wechseln, uns von Partnern trennen, Abhängigkeiten und
Süchte durch Enthaltsamkeit besiegen usw.
Oder wir versuchen es mit Durchhalteparolen: ?Es ist doch alles gar nicht so schlimm.
Das Leben ist eben keine Freude und man muss da einfach durch.?
Oder wir denken ?esoterisch? und umgeben uns nur noch mit ?guten Schwingungen?.
Wir grenzen die böse Welt und die Menschen mit nicht so guten Schwingungen einfach
aus unserem Leben aus, dann geht es uns gut.
Solche und ähnliche Strategien haben wir letztendlich entwickelt, um zu überleben und
zu funktionieren. Doch ist das wirklich leben?
Die Seele lässt uns nicht so einfach in Ruhe. Viele Meister haben immer wieder gesagt:
?Steige einfach aus und lebe im Jetzt?. Einfach gesagt, doch: Wie geht das?
Wenn das persönliche Leid aus einem Trauma innerhalb des Familiensystems stammt,
wie kann man da einfach aussteigen? Ist es überhaupt möglich, einen Ausweg aus
Krankheit, Abhängigkeit, Angst, Trauer und Verzweiflung zu finden?
Wenn ein Mensch selbst eine traumatische Erfahrung macht, so z.B. der frühe Verlust
eines oder beider Elternteile, oder der plötzliche Tod eines anderen geliebten Menschen,
ist er oft nicht in der Lage, die notwendige Trauerarbeit zu leisten. Der Betroffene
erleidet ein Verlusttrauma.
Durch ein Erlebnis, bei dem man selbst dem Tod sehr nahe ist, wie z.B. ein
Verkehrsunfall oder ein Verbrechen, entsteht ein Existenztrauma.
Neben diesen unmittelbaren gibt es aber auch noch mittelbare Traumatisierungen.
Haben beispielsweise die Eltern schlimme Erfahrungen gemacht, sind diese für die
Kinder emotional nicht mehr erreichbar. Es entsteht eine Bindungsstörung zwischen
Eltern und Kind, wodurch das Kind mittelbar traumatisiert wird.
Alkoholabhängigkeit, Gewalt und sexueller Missbrauch, untergeschobene oder
weggegebene Kinder, Abtreibungen, Kriegserlebnisse, Selbstmorde oder Morde sind oft
die Ursachen solcher Bindungstraumen bzw. Bindungssystemtraumen.
Manchmal liegt der traumatische Ursprung sogar drei oder vier Generationen zurück.
Traumatisierungen in einem Familiensystem können zu Krankheiten und Belastungen
in den verschiedensten Formen führen.
Die Person, die ein Krankheitsbild hat, hat die Trauma-Erfahrung oft gar nicht selbst
gemacht, sondern lediglich übernommen. Sie ist der Symptomträger in der Familie.
Das Kind trägt die Identität der Eltern in sich und kommt so ohne weiteres auch nicht
davon los. Hat z.B. die Mutter ein schweres Schicksal, übernimmt das Kind dieses
Schicksal und das damit verbundene Trauma. Das Kind nimmt alles von der Mutter in
seine Seele auf, das Gute (die Liebe), aber auch das Belastende (das Trauma).
Gleiches gilt für das Kind, wenn die Mutter durch das Schicksal der Großeltern belastet
ist. Da stellt sich die Frage, wessen Wahrheit wir eigentlich leben. Ist es der eigene
Schmerz oder trage ich den Schmerz meiner Eltern in mir?
Durch die Weitergabe der Trauma-Erfahrung über die Generationen wird ihr
Ursprung und Inhalt immer unklarer und diffuser. Die belastenden Symptome (Ängste,
Antriebslosigkeit, Depressionen, Sucht, Zwänge, körperliche Krankheiten,
Persönlichkeitsstörungen und Psychosen) die wir an uns wahrnehmen, können nicht
mehr eingeordnet werden und machen uns regelrecht verrückt.
Wenn es nicht mehr möglich ist, den Schmerz und das Leid aus traumatischen
Erfahrungen zu ertragen, spaltet sich die Seele auf.
Ein Anteil der Seele speichert die Erfahrungen und Emotionen, die im Trauma erlebt
wurden und zieht sich zurück. Das ist der traumatisierte Anteil.
Ein anderer Anteil sorgt nun dafür, dass die schrecklichen Gefühle nicht mehr so
einfach zugänglich sind und verdrängt werden. So kann er das Trauma ?überwinden?
und weiterleben, ohne verrückt zu werden. Es ist der überlebende Anteil. Dieser Anteil
sorgt dafür, dass der traumatisierte Anteil vom bewussten Handeln und Denken
getrennt und ferngehalten wird.
Doch der Preis dafür ist hoch, denn mit dem abgespaltenen Anteil fehlt auch ein Teil des
wahren Selbst, der Gefühle und der Kraft. Das unterdrückte Potential wirkt im
Verborgenen weiter und sorgt für die oben erwähnten negativen Symptome.
Ein dritter wichtiger Anteil ist der gesunde Anteil der Seele. Diesen gesunden Anteil hat
es schon vor der Trauma-Erfahrung gegeben, und er besteht auch nach dem Trauma
weiter.
Wir haben diesen Anteil alle in uns, stehen aber aufgrund der belastenden Erfahrungen
nicht oder nicht ausreichend damit in Kontakt.
Je vielschichtiger die Traumatisierungen in einem Familiensystem sind, desto stärker
und vielschichtiger ist der oben beschriebene Aufspaltungsprozess. Dieser
Wirkungsmechanismus gilt sowohl bei unmittelbaren als auch mittelbaren Trauma-
Erfahrungen.
Die Arbeit mit Aufstellungen bietet einen sehr guten Weg, um aus diesem Mechanismus
herauszukommen und wieder mehr zu sich selbst zu finden.
Wir alle, so denke ich, möchten aus dem Drama aussteigen. Dazu braucht es aber den
Mut, sich bewusst zu machen, in welchen Verstrickungen, Illusionen und
Verdrängungen wir leben.
Und es erfordert Achtung vor dem Schicksal und Dankbarkeit gegenüber unserem
überlebenden Anteil, denn dieser Anteil hat es uns ermöglicht, im Leben zu bestehen.
Speziell die mehrgenerationale systemische Psychotraumatologie (MSP) nach Prof. Dr.
Franz Ruppert öffnet einen Weg, die verschiedenen Anteile sichtbar zu machen und
wieder mit Ihnen in Kontakt zu treten.
Das Ziel der Aufstellung ist es, die verschiedenen Anteile wieder zu vereinen und zu
integrieren.
Es ist keine schnelle Therapie, mehrere Schritte sind erforderlich. Die Erfahrung mit
dieser Arbeit zeigt jedoch, dass es einen Ausweg aus dem Trauma gibt, auch wenn die
Seele nicht mehr weiter weiß und alles hoffnungslos erscheint.
Das sollte uns Mut machen, neue Wege zu gehen und die Aufstellungsarbeit in einem
neuen Licht zu sehen.
Literaturhinweis: Prof. Dr. Franz Ruppert: ?Seelische Spaltung und innere Heilung?
Traumatische Erfahrungen integrieren, Klett-Cotta, 2007, ISBN: 978-3-608-89051-8
Autoren dieses Artikels: Doris und Alexander Brombach, Praxis für systemische
Beratung und Psychotherapie, Broich 8-10, 51429 Bergisch-Gladbach
Tel.: 02207 / 706468; Internet: www.praxis-brombach.de
Weitere Informationen:
www.praxis-brombach.de
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