Kontakt gestalten

Kontakt gestalten

Ich möchte Ihnen hier einige der mir sehr wertvoll erscheinenden Grundkonzepte der Gestalttherapie vorstellen und damit auch auf die gleichnamige Weiterbildung "Kontakt gestalten" hinweisen.

Die Gestalttherapie hat im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit Kontaktprozesse:

"Kontakt ist die erste Wirklichkeit des Menschen", lesen wir  im Grundlagenwerk, das in den 50iger Jahren von Fritz Perls, Paul Goodman und Ralf Hefferline verfasst wurde. Die wichtigsten theoretischen Grundlagen sind darin die Psychoanalyse und die Gestaltpsychologie.

1. Was meinen wir mit Kontaktprozess?

Betrachtet wird der Kontakt zu sich selbst und der Kontakt zur Umwelt, d.h. vor allen Dingen zu anderen Menschen. In beide Richtungen wird die Wahrnehmung geschult. Warum ist dies so wesentlich? Wir gehen davon aus, dass für die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse - seien es Grundbedürfnisse, wie essen und schlafen oder Bedürfnisse nach Zuneigung, Anerkennung, Sicherheit - sowohl ausreichend Eigenwahrnehmung (was brauche ich), wie Wahrnehmung der Umgebung (wo/von wem bekomme ich, was ich brauche oder was muss ich zurückweisen) ausgebildet sein muss. Im Zu-mir-nehmen, was ich brauche oder abwehren, was mir schadet, erfolgen seelisches Wachstum und Gesunderhaltung des Individuums.

Dieser Prozess, den wir Kontaktprozess nennen, ist ein fortwährend ablaufendes Geschehen, das uns erst dann zu Bewusstsein kommt, wenn wir merken, dass etwas mit uns nicht stimmt. Ob Dauererschöpfung oder wiederkehrende Konflikte mit anderen Menschen, was auch immer uns zum Problem wird, es handelt sich um Störungen in diesem Kontaktprozess und genau der wird durch den Gestalt-Ansatz untersucht.

2. Warum wird die Gegenwart so betont?

Die Gestalttherapie arbeitet im Hier und Jetzt. Das heisst, dass wir davon ausgehen, dass die Probleme, welcher Natur sie auch sein mögen, sich in der Gegenwart, im Hier und Jetzt, zeigen und ebenso das Lösungs- bzw. Heilungspotential. Mit einer geschulten wachen Wahrnehmung und der Konzentration auf das, was gerade jetzt in dieser Situation in uns auftaucht, als Gefühl, als Gedanke, als Erinnerung, als Körperempfindung, als Impuls treten wir in Kontakt zu unserer erfahrbaren Realität. Die Erkenntnisse, die daraus gewonnen werden, sind nicht rein kognitiv, sondern schließen fühlen (Gefühle) und spüren (Körper) ein und sind so eine lebendige Erfahrung von uns selbst.

3. Was hat Kontakt mit Grenze zu tun?

Kontakt findet an der Grenze zur Umwelt statt, da wo mich eine Hand berührt, wo ein Wort mich erreicht, wo Blicke sich treffen, die kalte Luft in meine Nase strömt, wo ich in den Apfel beisse, etc. Der Gestalt-Ansatz arbeitet am Bewusstsein dieser Kontaktgrenze.Für einen lebendigen Austausch mit der Welt und anderen Menschen ist das Gewahrsein dieser Grenze von großer Bedeutung. Je klarer ich spüre, was ich an dieser Grenze annehmen und was ablehnen möchte, umso besser bin ich in der Lage, für meine körperliche und seelische Gesundheit zu sorgen.

4. Welchen Sinn hat Aggression?

Für diesen gesamten Kontaktprozess ist Energie nötig. Wir sprechen von Aggression. Aggression im Sinne einer aktiven Auseinandersetzung mit der Umwelt zur Erreichung einer befriedigenden Situation. Aggression wird erst dann destruktiv, wenn die mobilisierte Energie nicht zu einem für das Individuum sinnvollen Ziel eingesetzt wird.

Ein gelungener Kontaktprozess könnte folgendermaßen aussehen:

Nehmen wir an, Sie gehen morgens zur Arbeit und merken bereits auf dem Weg, dass Sie innerlich unruhig werden. Erst können Sie diese Unruhe nicht zuordnen, aber da Sie diese Unruhe nicht unterdrücken, sondern genauer hinspüren, merken Sie, dass Sie noch ärgerlich sind, wegen eines Gesprächs mit einem Kollegen. Sie könnten versuchen, das zu ignorieren, aber Sie bemerken, dass der Ärger stärker wird und Sie bemerken auch eine gewisse Angst vor der Schlagfertigkeit dieses Kollegen. Sie beschließen noch mal das Gespräch zu suchen und dem Kollegen mitzuteilen, was Sie geärgert und auch verletzt hat. Bei all diesen Gedanken spüren Sie, wie Ihre Aufregung steigt, je näher Sie Ihrem Arbeitsplatz kommen. Mit klopfendem Herzen nehmen Sie all Ihren Mut zusammen und sprechen Ihren Kollegen an und bitten ihn um ein Gespräch unter vier Augen. Sie spüren, dass Sie noch aufgeregter werden, Ihre Hände sind feucht und zittern leicht, aber Sie sind sehr klar und entschlossen. Sie machen dem Kollegen deutlich, was Sie geärgert hat und was Sie nicht mehr möchten. Der Kollege ist überrascht, aber die Deutlichkeit Ihrer Worte und Ihr Auftreten lässt keinen Zweifel, dass es Ihnen ernst ist. So entschuldigt sich der Kollege bei Ihnen. Ihre Aufregung fällt ab, Sie sind erleichtert und zufrieden. Trotz der vielen Arbeit verbringen Sie den Arbeitstag gut gelaunt und energievoll.

Die hier in diesem Beispiel mobilisierte Energie (Aggression) ist produktiv und führt zu angemessenem Handeln.

 5. Welche Form der Unterstützung ist hilfreich?

Nicht immer gelingt es uns so gut, derart klar und entschlossen einen Konflikt zu  lösen oder eine schwierige Situation zu meistern. Bei genauer Betrachtung von Konfliktsituationen kann deutlich werden, dass Ängste, Hemmungen, Mangel an Gewahrsein oder ein negatives Selbstbild (ich mache immer alles falsch) uns hindern, gut für uns zu sorgen. Ohne ausreichende Unterstützung (support) ist Veränderung oft schwierig. Wir gehen davon aus, dass all diese Hemmungen und Störungen im Kontakt, die uns in der Gegenwart Probleme bereiten, zu einem früheren Zeitpunkt sinnvoll gewesen sein mögen. Dies gilt es zu allererst zu würdigen.

Ein Mangel an unterstützender Erfahrung könnte sich im obigen Beispiel wie folgt auswirken:

Stellen wir uns vor, ein Mensch hat in seinem früheren Leben immer wieder die Erfahrung gemacht, dass seine Bedürfnisse nicht so ernst genommen wurden. Er hat vielleicht gut gelernt sich anzupassen und zu funktionieren. Wie würde dieser Mensch in unserem Beispiel handeln? Möglicherweise würde er auch die Unruhe und den Ärger spüren, er würde aber beides versuchen zu unterdrücken, würde sich vielleicht sagen, das sei nicht so wichtig oder er würde das Gefühl haben, ohnedies keine Chance zu haben, etwas zu verändern. Langfristig würde dies zu Bedrücktheit oder Erschöpfung führen, eventuell bis zum Burnout, wenn dies sein Muster bleiben würde, mit Bedürfnissen und Konflikten umzugehen.

6. Warum nehmen wir Beziehung so wichtig?

Grundlegend für eine positive Entwicklung ist aus Sicht des Gestalt-Ansatzes die Beziehung zum Klienten. Es gilt eine Gesprächsebene herzustellen, die den Klienten in seiner Einzigartigkeit respektiert und würdigt und ihn nicht reduziert auf seine Probleme oder eine Diagnose. Die Begegnung findet von Mensch zu Mensch statt, in einer „dialogischen“ Haltung, die es dem Klienten möglich macht, sich für neue Erkenntnisse und Erfahrungen zu öffnen. Nicht eine starre festgelegte Form von therapeutischem Handeln wird propagiert, sondern Begegnung und Erfahrung im Hier und Jetzt. Wenn man bedenkt, dass wir vom Anfang unseres Lebens an auf Beziehung angewiesen sind, leuchtet es ein, dass Beziehungs-Erfahrungen uns zu dem gemacht haben, was wir sind. Demzufolge sehen wir seelische Krankheiten als Beziehungsstörungen. Und deshalb wird in der Gestalttherapie ein so großer Wert auf die Qualität der therapeutischen Beziehung gelegt, denn sie soll eine heilsame Erfahrung für den Klienten werden.

7. Wie findet Veränderung statt?

In der Gestalttherapie untersuchen wir, an welcher Stelle des Kontaktprozesses Unterbrechungen stattfinden, sodass es zu seelischen oder sozialen Problemen kommt und unterstützen Klienten darin, sich spürend und ausprobierend an neue Möglichkeiten des Handelns heranzutasten. Auf diese Weise können eingeübte Verhaltensmuster überwunden werden. Wir sprechen von einer kreativen Anpassung, wenn entsprechend den eigenen Bedürfnissen, Wünschen und Fähigkeiten auf die jeweiligen Umwelt-bedingungen eingewirkt wird, sodass die Anpassung im Idealfall gegenseitig ist.

Wie im anfangs beschriebenen Beispiel, bewirkt die Konfrontation mit dem Kollegen, eine gegenseitige Anpassung. Für beide entsteht eine veränderte Situation. Der Eine erlebt seine eigene Wirksamkeit, der andere merkt, dass er über die Grenzen seines Kollegen gegangen ist und passt sich seinem Kollegen an, indem er diese Grenze nun respektiert.

 8. Was meinen wir mit einer „offenen Gestalt“?

Wir sprechen in der Gestalttherapie dann von einer „offenen Gestalt“, wenn ein Kontaktprozess  nicht zu einem befriedigenden Abschluss gekommen ist und „etwas offen bleibt“. Wir spüren dieses „offen bleiben“ als etwas Unbefriedigendes, reagieren mit schlechter Laune, mit Müdigkeit, mit Verweigerung, mit Kopfschmerzen, u.a.m.

 Beispiel:

Bei jenem Kollegen, der seine Verärgerung und Kränkung nicht ausreichend wahrnehmen kann, sich nicht ernst nimmt, den Mut nicht aufbringt, sich mit dem anderen Kollegen zu konfrontieren, bleibt etwas offen. Er hatte offensichtlich nicht ausreichend sich selbst stützende Mechanismen zur Verfügung, um seinem Bedürfnis, sich vor dem kränkenden Umgang des Kollegen zu schützen, Ausdruck zu verleihen. Zurück bleibt vermutlich ein Gefühl der Schwäche, des unterschwelligen Grolls, eine innere Anspannung etc.

 Eine „offene Gestalt“ schließen, hieße dann für diesen Klienten, dass er wieder in Kontakt käme mit dem unangenehmen Gefühl gegenüber seinem Kollegen, dem Ärger, der Angst, all den Gefühlen, die er unterdrückt hatte. In der therapeutischen Arbeit würde man diesen Menschen unterstützen, eine angemessene Form des Ausdrucks für seine Kränkung zu finden. Möglicherweise könnte er nachträglich einen Weg finden, mit dem Kollegen zu sprechen. Oft liegen derartige Ereignisse weiter zurück und zu den Menschen, die es betrifft, besteht kein aktueller Kontakt mehr. Indem in einem geschützten Rahmen ausgesprochen werden kann, was nie gesagt werden konnte und es Anteilnahme von einem zugewandten Therapeuten gibt, ist es möglich, dass „offene Gestalten“ zu einem Abschluss kommen. Dies wird als Erleichterung erlebt und als Stärkung des Selbst.

 9. Was hat Kontakt mit Kreativität und Ästhetik zu tun?

Eine angemessene Form des Ausdrucks gefunden zu haben verweist auf den ästhetischen Aspekt unseres Handelns. Wenn Kreativität in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen belebt wird, kreieren wir gemeinsam Formen des sozialen Umgangs, die wir als berührend, befreiend, lebendig, schön, etc. empfinden. Auch der Humor gehört hier her. Er bringt Leichtigkeit und Heiterkeit in die Welt und hilft so manche Schwere zu überwinden.  

 

Verfasser und Verantwortlich für den Inhalt:
Gabriele Blankertz, Gestalttherapeutin, Praxis für Gestalttherapie, 10437 Berlin
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Praxis für Gestalttherapie, 10437 Berlin
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