Existenzanalyse

Existenzanalyse

Stand: 02.04.2015

Existenzanalyse ist Teil der um 1930 von Viktor Frankl (1905 - 1997) unter der Doppelbezeichnung „Logotherapie und Existenzanalyse“ gegründeten Psychotherapieform.

Die Daseinsanalyse wurde in USA auch existential analysis genannt und dabei mit der von Viktor Frankl so benannten „Existenzanalyse“, verwechselt. R. D. Laing und Jean-Paul Sartre verwendeten den Begriff. Die Gründung der Existenzanalyse geht auf die gegen den Psychologismus gerichtete Strömung der Psychotherapie zurück, die von Edmund Husserl ausging und v. a. von Karl Jaspers, Ludwig Binswanger, Medard Boss und Rollo May vertreten wurde. In Abgrenzung zur Psychoanalyse Freuds (und der Individualpsychologie Alfred Adlers) stellte Frankl neben die auf die Binnendynamik psychisch-triebhafter Kräfte gerichtete „Psycho“-Analyse eine auf die Welt der Werte gerichtete „Existenz“-Analyse und präzisierte ihr therapeutisches Ziel im Begriff „Logo“-Therapie („logos“ = Sinn).

Entwicklung

1983 wurde in Wien die Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse (GLE) gegründet. Viktor Frankl stand der Gesellschaft als Ehrenpräsident vor. In den von dem damaligen Vorstand (Alfried Längle) als „personale Wende“ bezeichneten Umformungen der ursprünglichen Logotherapie und Existenzanalyse sah Frankl jedoch bald die Gefahr der Wiederkehr eben jenes Psychologismus, gegen den er sich zeitlebens auf philosophischer, psychologischer und psychiatrischer Grundlage einsetzte.

Frankl und eine Reihe seiner Kollegen aus Wissenschaft, Therapie und Forschung distanzierten sich zunehmend von Längle und der GLE. 1991 legte Frankl den Ehrenvorsitz der Gesellschaft nieder. 1992 kam es dann unter der Mitwirkung eines länder- und fächerübergreifenden Wissenschaftergremiums zur Gründung des Viktor-Frankl-Instituts in Wien. Diese Institution führt heute, gemeinsam mit weltweit über 70 Ausbildungs- und Forschungsinstituten die ursprüngliche von Viktor Frankl konzipierte Logotherapie und Existenzanalyse (LTEA) weiter und fördert Forschung und Entwicklung der LTEA für eine moderne und zeitgemäße Anwendung in Wissenschaft und Praxis. In Frankls Hauptwerken "Ärztliche Seelsorge" und "Die Psychotherapie in der Praxis" finden sich die Grundlagen der LTEA.

Zwischen dem Viktor-Frankl-Institut (VFI) und der GLE gibt es keine Verbindung bzw. Zusammenarbeit. Seit der sogenannten „personalen Wende“ (1988 - 1990) haben sich innerhalb der GLE neben einigen inhaltlichen Veränderungen auch die ursprünglichen Begriffsbedeutungen von Logotherapie und Existenzanalyse geändert. Die GLE trennt - im Gegensatz zu Frankl - die Logotherapie von der Existenzanalyse, die sie zeitweise auch als "personale Existenzanalyse" bezeichnet.

Seit der „personalen Wende“ (1988 - 1990) geht es Längle in seiner Auffassung der Existenzanalyse neben der Reflexion der Sinnfindung vermehrt um die Themenbereiche der psychischen und personalen Prozesse (Wahrnehmung, Verarbeitung, Haltung [Personale Existenzanalyse], Auseinandersetzung mit den Bedingungen der Welt und der Leiblichkeit), der Beziehung (Selbstbezug, Emotionalität, Begegnung, Dialog, Person), der Motivationsforschung (Grundmotivationen), der Biographie, Entwicklungspsychologie und Psychopathologie.

Als gemeinsamer theoretischer Hintergrund der Existenzanalyse ist vor allem die Existenzphilosophie und Phänomenologie zu nennen. Haupttheoreme sind daher Erleben, Freiheit (Wille, Wahl, Entscheidung, Einstellung), Subjektivität (Person), Begegnung (Situation), Verantwortlichkeit (Engagement), Selbstwerdung (Akt, Bewährung, Scheitern, Tod), Weltgestaltung, Sinn. Als Grundlage der Existenzanalyse diente vor allem die philosophische Anthropologie und die Wertelehre Max Schelers.

Existenzanalyse kann definiert werden als eine phänomenologische, an der Person ansetzende Psychotherapie mit dem Ziel, der Person zu einem (geistig und emotional) freien Erleben, zu authentischen Stellungnahmen und eigenverantwortlichem Umgang mit sich selbst und ihrer Welt zu verhelfen. Das bedeutet: die existenzanalytische Psychotherapie hat zum Ziel, den Menschen zu befähigen, mit innerer Zustimmung zum eigenen Handeln und Dasein leben zu können.

Indiziert ist die Existenzanalyse bei allen Formen psychisch, psychosozial oder psychosomatisch bedingter Verhaltensstörungen und Leidenszustände entweder als spezifische oder als supportive Psychotherapie.

Methodik

Die Existenzanalyse arbeitet in erster Linie mit dem Gespräch, wobei eine methodische Offenheit für adjuvante Mittel besteht (Verhaltenstherapie, Traumarbeit, Imagination, Körperarbeit, kreative Mittel u.a.). Das Gespräch wird dialogisch-begegnend geführt. In der sogenannten Personalen Existenzanalyse (GLE) wird die Therapie zudem in Phasen eingeteilt (kognitiv, empathisch, konfrontativ-konstruktiv und schützend-ermutigend in seinem Stil), während die von Frankl ursprünglich konzipierte Logotherapie und Existenzanalyse (VFI) von schematischen Phasenzuordnungen im Therapieverlauf Abstand nimmt: hier steht die Individualität des Patienten und seiner Anliegen im Vordergrund und entzieht sich daher einer Schematisierung.

Ziel und zentrales Wirkelement der Existenzanalyse ist die Herstellung einer inneren und äußeren dialogischen Offenheit, in der die Person ihre Fähigkeiten zum Einsatz bringen kann und die Grundbedingungen personaler Existenz erfüllt sind. Neben und zahlreichen diagnosespezifischen Interventionsformen ist die bekannteste Technik der Existenzanalyse die 1929 von Frankl vorgestellte Methode der Paradoxen Intention. Längle nennt noch weitere Kerntechniken seiner Existenzanalyse: Arbeit mit den Grundmotivationen, biographische Methode (Person), Personale Positionsfindung.

Die Evaluation existenzanalytischer Arbeit erfolgt bei Längle mittels des Testinstruments der Existenz-Skala und Einzelfallstudien, die Evaluation der Techniken auch über (kontrollierte) Gruppenstudien. Im Gegensatz dazu stehen der klassischen Logotherapie und Existenzanalyse über 15 verschiedene, nach individuellen Schwerpunkten gerichtete Testinstrumente zur Verfügung. Bis heute liegen über 600 empirische und klinische Studien zu Frankls ursprünglichem Modell vor (Batthyany und Guttmann 2006).

Die Zuordnung der Existenzanalyse geschieht meistens (im Ausschlußverfahren) zur humanistischen Psychologie. Doch ist deren Haupttheorem (Selbstaktualisierung) kein Fokus der Existenzanalyse, sodass sie im Grunde einer eigenen Kategorie „existentieller Psychotherapierichtungen“ zuzuordnen ist, die dem therapeutischen Grundprinzip der Wiederherstellung der dialogischen Austauschfähigkeit mit der Welt folgen.

Literatur

  • Batthyany A und Guttmann D (2006) Empirical Research in Logotherapy and Meaning-Oriented Psychotherapy. An Annotated Bibliography. Zeig Tucker, Phoenix AZ
  • Frankl VE ([1938] 1994) Zur geistigen Problematik der Psychotherapie. In:
  • Frankl VE Logotherapie und Existenzanalyse. Texte aus sechs Jahrzehnten. Quintessenz (Neuauflage), Berlin, 15-30
  • Frankl VE ([1946] 2005) Ärztliche Seelsorge. Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse. Franz Deuticke, Wien
  • Frankl VE ([1956] 1997) Theorie und Therapie der Neurosen. Reinhardt, München
  • Frankl VE ([1956] 1997) Die Psychotherapie in der Praxis. Eine kasuistische Einführung für Ärzte. Piper, München
  • Frankl VE ([1946] 2005) Ärztliche Seelsorge. Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse. Franz Deuticke, Wien
  • Frankl VE ([1959] 1994) Grundriß der Existenzanalyse und Logotherapie. In:
  • Frankl VE Logotherapie und Existenzanalyse. Texte aus sechs Jahrzehnten. Quintessenz (Neuauflage), Berlin, 57-184
  • Frankl VE ([1975] 1990) Der leidende Mensch. Anthropologische Grundlagen der Psychotherapie. Piper, München
  • Frankl VE (1995) Was nicht in meinen Büchern steht. Lebenserinnerungen. Quintessenz, Berlin
  • Längle A (Hrsg) (1988) Entscheidung zum Sein. Piper, München
  • Längle A (1994) Existenzanalyse und Logotherapie. In: Stumm G, Wirth B (Hrsg) Psychotherapie. Schulen und Methoden. Eine Orientierungshilfe für Theorie und Praxis. Falter, Wien, 2°, 185-192
  • Längle A (1995) Logotherapie und Existenzanalyse - eine Standortbestimmung. In: Existenzanalyse 12, 1, 5-15
  • Längle A (1999) Existenzanalyse – Die Zustimmung zum Leben finden. In: Fundamenta Psychiatrica 12, 139-146
  • Röhlin, K.-H.: Sinnorientierte Seelsorge. Die Existenzanalyse und Logotherapie V. E. Frankls im Vergleich mit den neueren evangelischen Seelsorgekonzeptionen und als Impuls für die kirchliche Seelsorge. Herbert Utz Verlag, München 2005, ISBN 3-8316-0446-0
  • Scheler M (1980) Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik. Neuer Versuch der Grundlegung eines ethischen Personalismus. Franke, Bern, 6°

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